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Was bedeutet Kreationismus, und wer ist Adnan Oktar?

Wie ist die Erde entstanden? Welchen Platz nimmt sie im Universum ein? Wodurch begann das Leben auf der Erde? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Menschheit seit Tausenden von Jahren.
Über viele Jahrhunderte glaubten Juden, Christen und Muslime wortwörtlich an die Schöpfungsgeschichte, wie sie im Buch Genesis erzählt wird. Der erste Satz der Bibel lautet: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.“ In den folgenden sechs Tagen ließ Gott die Welt so entstehen, wie wir sie heute kennen: Am ersten Tag erfolgte die Unterscheidung von Tag und Nacht sowie am zweiten Tag von Wasser und Land. Am dritten Tag wuchsen Gras, Pflanzen und Bäume. Am vierten Tag setzte Gott Sonne, Mond und Sterne an den Himmel. Am fünften Tag erwachten die Tiere im Wasser und in der Luft zum Leben. Am sechsten Tag folgten die Tiere auf dem Land und schließlich – als Höhepunkt – der Mensch, den er „nach dem Bild Gottes“ schuf. Am siebten Tag ruhte Gott.
Ein sehr viel komplizierteres Modell wird heute durch die moderne Naturwissenschaft vertreten: Vor etwa 13,8 Milliarden Jahren folgte aus dem sogenannten Urknall, in dem Materie, Raum und Zeit entstanden, ein sich bis heute und immer weiter ausdehnendes unendliches Universum. In diesem befinden sich unzählige Himmelskörper, darunter die Erde. Auf der Erde konnten sich aufgrund des Vorhandenseins von Wasser über Jahrmillionen aus winzigen Organismen Pflanzen und Tiere entwickeln (Evolution). Der Mensch (Homo sapiens), so wie wir ihn heute kennen, gehört zu den jüngeren Lebewesen: Er ist gerade mal ein paar Hunderttausend Jahre alt.
Wissenschaft und Religion stehen also hinsichtlich ihrer Ansichten zur „Entstehung der Welt“ in einem Konflikt. Nachdem viele Jahrhunderte das biblische Model nicht nur in Europa, sondern auch im christlichen Amerika und in der islamischen Welt akzeptiert und gelehrt wurde, setzte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in kürzester Zeit die Evolutionstheorie durch. Gegen diese Weltsicht formierte sich Widerstand in Gestalt der sogenannten Kreationisten (von lateinisch Creatio für „Schöpfung“), die sich weiterhin wortwörtlich an die biblische Lehre hielten und die Entstehung der Welt als Tat eines Schöpfergottes deuteten.
Auch in Deutschland gibt es kreationistische Christen. Sie sind jedoch in der Minderheit. Die katholische und die evangelische Kirche haben dem Kreationismus eine deutliche Absage erteilt: Klare Mehrheitsmeinung ist, dass die Bibel nicht wortwörtlich, sondern im übertragenen Sinne zu verstehen sei.
Unter Muslimen sind kreationistische Ideen noch sehr jung. Ähnlich wie die kreationistischen Christen in den USA fürchten manche sehr gläubige Muslime ein Erstarken sowohl des Atheismus als auch des Kapitalismus und damit einhergehend einen Werteverfall in ihrer Gesellschaft. Die Frage nach der Erschaffung der Welt bzw. des Menschen entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer brisanten Diskussion – auch wenn sich im Koran kein vollständig ausformulierter Schöpfungsbericht wie in der Bibel findet. Zentral sind jedoch für muslimische Kreationisten die koranischen Lobpreisungen Gottes als Schöpfer und die Aussagen über die Erschaffung Adams aus Lehm (z. B. Sure 15, Vers 26: „Wir haben den Menschen aus Ton erschaffen von formbarem Schlamm.“).
Der bekannteste Vertreter eines islamischen Kreationismus ist Adnan Oktar, auch bekannt unter dem Pseudonym Harun Yahya. Er wurde 1956 in Ankara geboren und studierte in Istanbul Architektur. Er beendete jedoch sein Studium nicht, sondern hielt an der Universität Predigten, wobei er mit dem Aufruf, Frauen sollten ihre Kopftücher ablegen, und der Aufforderung, die täglichen Pflichtgebete von fünf auf drei zu reduzieren, den Unmut der Konservativen auf sich zog.
Adnan Oktar orientiert sich bei seinen Vorstellungen eng an einigen kreationistischen Instituten in den USA. Dass diese christlich ausgerichtet sind, stellt dabei kein Hindernis dar. Oktars Kritik wendet sich in erster Linie gegen die Evolutionstheorie. Diese betrachtet er als Ursache für alles Böse in der Welt. Seine Hauptthesen sind denen der christlichen Kreationisten gleich: Tiere, Pflanzen und Menschen wurden durch Gott geschaffen und haben sich seit Jahrmillionen nicht verändert.
Bei der Verbreitung seiner Lehre setzt Adnan Oktar vor allem auf das Internet, aber auch auf Vorträge und Bücher sowie seit 2011 auf einen neugegründeten Fernsehsender. Durch die modernen Medien erreicht er Millionen Muslime in der ganzen Welt. Sein wichtigstes Werk ist der auch ins Deutsche übersetzte „Atlas der Schöpfung“, worin er auf über 800 Seiten Fotografien von versteinerten Tieren und Pflanzen (Fossilien) neben moderne Fotografien stellt, um die Unveränderlichkeit der Arten zu belegen. Naturwissenschaftler bezeichnen das Buch als durch und durch unwissenschaftlich.
Als problematisch wird auch seine aus dem Kreationismus resultierende Weltsicht gesehen, nach der sich die „wahren“ Gläubigen auf der einen und materialistische (Nicht)Muslime auf der anderen Seite gegenüberstehen. Besonders deutlich wurden seine Feindbilder beim Blick auf das Judentum und den Zionismus. In dem Buch „Die Holocaust-Lüge“ (von dem er 2008 in einem „Spiegel“-Interview sagte, dass es nicht von ihm stamme), leugnet Oktar den Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg und unterstellt ein geheimes Bündnis zwischen den Nationalsozialisten und den Zionisten zum Zwecke der Ausrottung der Muslime und der Erlangung der Weltherrschaft. Da Oktar neben seinen propagierten kreationistischen und antisemitischen Ideen obendrein immer wieder andeutet, er sehe dem erwarteten islamischen Erlöser (Mahdi) ähnlich, lehnt die Mehrheit der Muslime ihn entschieden ab.

(Stand: 7. Dezember 2013)


 
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