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Darf man Gott malen?

Wie sieht Gott aus? Diese Frage beschäftigt viele Gläubige bereits seit langer Zeit. Während Hindus ganz klare Vorstellungen von ihren Göttern haben und sie in Form großer Statuen in den Tempeln ausstellen und verehren, lehnen Juden und Muslime sowie etwas weniger streng auch Christen eine bildliche Darstellung Gottes ab. Dieser wird als zu weit entfernt, zu groß und zu mächtig empfunden, als dass er durch den Menschen begreifbar und damit abbildbar wäre.
Grundlegend für das sogenannte Bilderverbot im Judentum sind die Zehn Gebote: „Du sollst dir kein Götterbild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was oben im Himmel oder was unten auf der Erde oder was in den Wassern unter der Erde ist. Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen.“ (Ex. 20,4-5) Aufgrund dieser Verse sind in Synagogen keine Gemälde und Skulpturen zu finden – weder von Gott noch von Menschen oder Tieren.
Auch wenn die Zehn Gebote zu den zentralen Glaubensinhalten des Christentums zählen, hat sich in den Kirchen das Bilderverbot nicht durchgesetzt. So finden sich in den Kirchen aller christlichen Richtungen plastische Darstellungen von Jesus am Kreuz. Da Jesus als menschgewordener Gott gilt, handelt es sich hier gewissermaßen auch um ein Bild Gottes. In der katholischen Kirche kommen noch Marienstatuen und Heiligenbilder hinzu, vor denen die Gläubigen Kerzen anzünden und beten. Während der Reformation im 16. Jahrhundert zerstörten Protestanten die Heiligengemälde und -skulpturen in den Kirchen. Man wollte zu der reinen Lehre der Bibel zurück. Außer den Kruzifixen finden sich in evangelischen Kirchen heute jedoch auch bildliche Erzählungen der Geburt, des Lebens und der Kreuzigung Jesu in Form von bunten Fenstern oder Wandmalereien.
Im Koran gibt es keinen einzigen Vers, der das Malen von Bildern verbietet; erst nach Muhammads Tod bezeugten einige seiner Weggefährten, der Prophet habe Bilder nicht leiden können. Weiter verbreitete sich die Geschichte, dass Abraham (Ibrahim), der als erster Muslim bezeichnet wird, die Götzen (Götterstatuen) in seiner Heimatstadt Ur im großen Zorn vernichtet haben soll. Er rief seine Mitmenschen stattdessen dazu auf, nur noch den einen Gott statt der Statuen und Gemälde anzubeten.
Die islamischen Rechtsschulen diskutierten ab dem 8. Jahrhundert die bildliche Darstellung von Gott und seiner Schöpfung heftig. Dabei kamen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen: Während einige Gelehrte das Bilderverbot allein auf die Darstellung Gottes sowie anderer heiliger Figuren, denen religiöse Verehrung entgegengebracht wird, bezogen, verboten andere die Darstellung von himmlischen Wesen, Propheten, Menschen und Tieren in jeder Hinsicht, da der Mensch durch die Bildkunst die göttliche Schöpfung nachzuahmen versuche. In Moscheen findet man daher wie in Synagogen und anders als in Kirchen keine Gemälde und Skulpturen. Stattdessen verzieren schön geschriebene Koranverse, geometrische Muster und Blumenranken die Gebäude. Dasselbe gilt für Koranhandschriften.
Im weltlichen Bereich war das Bilderverbot jedoch nicht durchzusetzen. Prächtige Skulpturen, Mosaike mit menschlichen und tierischen Darstellungen und Malereien an Wänden wie in Büchern fanden sich immer und überall. In Zeiten und Gegenden, in denen Erwachsene nicht lesen und schreiben können sowie in der religiösen Erziehung von Kindern sind Bilder besonders wichtig. Während Darstellungen von Gott nicht überliefert sind und vermutlich auch nie existierten, kennen wir Bilder des Propheten Muhammad aus dem Osmanischen Reich und Persien, wobei sein Gesicht meistens mit einem Schleier verdeckt oder durch eine Flamme unkenntlich gemacht ist. Auch heute wird in der Regel der Prophet in Bilderbüchern für Kinder sowie in Filmen für Jung und Alt nicht abgebildet. Als 2005 Muslime weltweit gegen die Muhammad-Karrikaturen einer dänischen Zeitung demonstrierten, fühlten sie sich nicht nur aufgrund der Gleichsetzung von Gewalt und Islam beleidigt, sondern auch durch die bildliche Darstellung des Propheten an sich. Wortführend bei den Demonstrationen waren häufig streng islamische Kräfte, die auch die vorsichtig bebilderten Kinderbücher ablehnen. Einige von ihnen schrecken auch vor der Zerstörung alter Kunstschätze nicht zurück. So wurde die Sprengung der vermutlich aus dem 6. Jahrhundert stammenden in Fels gehauenen Buddha-Statuen in Bamiyan (Afghanistan) durch die Taliban zu einem Sinnbild ihrer Radikalität und Intoleranz gegenüber anderen Religionen.

(Stand: 14. November 2013)


 
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