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Wer sind die Aleviten?

Das Alevitentum (sinnhaft: Anhänger Alis) wird meistens zu einer Glaubensrichtung innerhalb des schiitischen Islams gezählt. Sein Ursprung liegt viele Jahrhunderte zurück. Kurz nach Muhammads Tod war ein heftiger Streit über dessen Nachfolge ausgebrochen, der im Jahre 680 in einen Krieg mündete und die Muslime in verschiedene Gruppen spaltete. Die Schiiten forderten damals, dass Ali Ibn Abi Talib, Cousin und Schwiegersohn des Propheten, Kalif (arabisch: khalifa; Nachfolger) werden sollte; die Sunniten waren dagegen. Die islamische Welt teilte sich in sunnitische und schiitische Regionen. Als im 13./14. Jahrhundert turkmenische Stämme nach Anatolien einwanderten, verschmolz hier die Verehrung Alis mit mystischen und anderen Glaubensvorstellungen – das Alevitentum entstand.
Im Osmanischen Reich (ca. 1299-1923), das den sunnitischen Islam unterstützte, galten die Aleviten als Verräter, da sie sich mit dem iranisch-schiitischen Herrscherhaus verbündeten. Bis zur Gründung der modernen Türkei im Jahre 1923 wurden die Aleviten unterdrückt und ihre Forderungen auf Gleichberechtigung blutig niedergeschlagen. Die Aleviten unterstützten daher den türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938), der eine Trennung von Religion und Staat (Laizismus) vorantrieb. Sie hofften, in einem modernen, westlich orientierten und demokratischen Land endlich dieselben Chancen wie die sunnitischen Türken zu finden. Die Hoffnungen wurden jedoch enttäuscht. Zwar erhielten sie die rechtliche Gleichstellung, in der Gesellschaft erfahren sie jedoch bis heute Diskriminierung und Verfolgung. Beispielsweise bekleiden sich als Aleviten bekennende Personen nur selten Arbeitsplätze im staatlichen System, junge Menschen erhalten keinen Studienplatz, und Kinder werden in den öffentlichen Schulen gezwungen, am sunnitischen Religionsunterricht teilzunehmen. In den vergangenen Jahren kam es sogar zu Morden an Aleviten. Viele gaben ihren Glauben daher auf oder wanderten aus. Heute sind nur noch etwa 15 Prozent der Türken alevitischen Glaubens. Sie sind nach wie vor nicht als zu schützende religiöse Minderheit anerkannt, was einen der Hauptkritikpunkte bei den Verhandlungen zum EU-Beitritt der Türkei ausmacht.
Weltweit ist die Zahl von Aleviten mit zwischen 10 und 25 Millionen Anhängern nur sehr grob zu schätzen. Die meisten sind Türken oder Turkmenen, einige wenige kurdischer oder aserbaidschanischer Abstammung. Auch in Griechenland, Bulgarien und auf Zypern leben einheimische alevitische Gemeinschaften. In Deutschland zählt die alevitische Gemeinde etwa 500.000 Mitglieder. Fast alle sind in den vergangenen Jahrzehnten aus der Türkei eingewandert oder als Kinder türkischer Eltern hier geboren. Damit ist das Alevitentum nach dem sunnitischen Islam die größte Gruppe unter in Deutschland lebenden Muslimen.
Die Glaubenslehren der Aleviten unterscheiden sich von denjenigen der Sunniten und auch der Schiiten in vielen Punkten. Einige Inhalte, Traditionen und Geschichten leiten sich aus dem (schiitischen) Islam ab; vieles stammt jedoch auch aus anderen Religionen wie dem Zoroastrismus, dem Christentum oder längst verschwundenem Volkstum. Im Zentrum steht die große Verehrung Alis; in ihm sehen die Aleviten einen Märtyrer, der zum Wohle der Muslime gestorben ist. Anders als früher tragen heute junge Aleviten das sogenannte Zülfikar, Alis Schwert, als Anhänger um den Hals und bekennen sich selbstbewusst und stolz zu ihrer Religion.
Das islamische Recht (Scharia), wie es Sunniten und Schiiten kennen, ist für Aleviten nur von untergeordneter Bedeutung. Sie stellen einen für sein Schicksal eigenverantwortlichen Menschen in den Mittelpunkt ihres Weltbildes. Aleviten betonen die wechselseitige Liebe zwischen Gott und den Menschen und betrachten die Erlangung eines vollkommenen Zustands als Lebensziel. Das Alevitentum kennt keinen derart detaillierten Katalog an Glaubenspflichten wie der sunnitische und schiitische Islam; lediglich einige Moralvorschriften, die den Koran ergänzen, leiten zu gutem Verhalten an. Hierzu zählt die Kontrolle menschlicher Bedürfnisse, Triebe und Gefühle. Töten, Stehlen, Lügen und Ehebrechen sind verboten; Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit sind erwünscht.
Aleviten leben nicht nach den „Fünf Säulen des Islams“ (Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten, Pilgerfahrt), die sie als reine Äußerlichkeiten ansehen. So fasten sie beispielsweise nicht im Monat Ramadan und beten nur unregelmäßig und nicht in Moscheen, da es nicht auf die Häufigkeit, sondern auf die Intensität der Beziehungsaufnahme zu Gott ankäme. Aleviten treffen sich in einem sogenannten Cemevi (Versammlungshaus); direkte Nachkommen der Familie Alis – egal ob männlich oder weiblich – leiten die Zeremonien. Männer und Frauen sind nicht getrennt, auch tragen die Frauen kein Kopftuch. Die Gläubigen rezitieren gemeinsam Gedichte, musizieren und tanzen. Beim sogenannten Semah, einem rituellen Tanz, bewegt man sich nebeneinander in einem großen Kreis und dreht sich um die eigene Achse. Dies symbolisiert das sich drehende Universum und dient der geistigen Annäherung an Gott. Musik spielt eine große Rolle im alevitischen Leben. Die Rhythmen versetzen den Menschen in Trance, die Texte transportieren Leid, Liebe und Hoffnung.
Die Unterschiede zwischen den Aleviten und den Sunniten sind so groß, dass die Sunniten die Aleviten teilweise gar nicht als dem Islam zugehörig bezeichnen. Auch betrachten sich einige Aleviten als außerhalb der islamischen Tradition stehend; die jahrhundertelange Verfolgung hat ein tiefes Misstrauen vor allem gegenüber sunnitischen Muslimen geschaffen.

(Stand: 15. Oktober 2013)


 
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