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Ist Homosexualität im Islam erlaubt?

Homosexualität unter Männern und Frauen hat es zu allen Zeiten und an allen Orten gegeben – natürlich auch unter Muslimas und Muslimen. In den meisten islamisch geprägten Ländern ist Homosexualität jedoch verboten; in einigen wie dem Iran, Jemen, Sudan, Saudi-Arabien und dem nördlichen Nigeria wird sogar die Todesstrafe verhängt. Eine sichtbare schwul-lesbische Szene mit Cafés, Christopher Street Days oder Zeitschriften und Fernsehen gibt es daher kaum. Viele homosexuelle Männer und Frauen heiraten und bekommen Kinder; sie unterdrücken ihre Neigung entweder ganz oder leben sie im Geheimen aus. Auch gibt es gleichgeschlechtliche Liebespaare, die aus religiösen Gründen auf Sexualität verzichten.
Auch in Deutschland steckt die schwul-lesbische Emanzipation noch in den Kinderschuhen. Erst 1994 wurde der aus dem 19. Jahrhundert stammende Paragraf 175 StGB abgeschafft, nach dem Homosexualität als „widernatürlich“ galt und unter Strafe stand. Diskriminierungen von Lesben und Schwulen bis hin zu gewalttätigen Überfällen sind an der Tagesordnung. Homophobie ist dabei besonders unter Jugendlichen aus Einwandererfamilien verbreitet; gleichzeitig sind es gerade muslimische Männer und Frauen, die besonders stark unter dem Konflikt zwischen Religion, Tradition, Familie und ihrer eigenen Identität leiden.
Unter dem Dach des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD) hat sich 1996 die Beratungsstelle TürkGay (heute TürkGays & Lesbians) gegründet. Der Verband betreibt u.a. Plakataktionen wie „Kai liebt Murat“, da Muslimas und Muslime häufig aus Angst vor der Reaktion in der Familie und im Freundeskreis auf ein Comingout verzichten. Teile der muslimischen Community öffnen sich jedoch langsam gegenüber dem Thema. So vertritt der Zentralrat der Muslime in Deutschland beispielsweise eine liberale Haltung gegenüber Homosexualität. In den letzten Jahren gab es sogar vereinzelte Segnungs- und Hochzeitszeremonien durch gemäßigte Imame.
Die große Mehrheit der Islamgelehrten bezeichnet Homosexualität jedoch nach wie vor als „illegitimen Geschlechtsverkehr“ (arabisch: zina). Grundlage für ein religiöses Verbot der Homosexualität ist insbesondere die Geschichte der Zerstörung von Sodom und Gomorra. Im Koran findet sich die Erzählung aus der Genesis in zwei Versabschnitten verkürzt wieder. Danach lebte Lot (Lut), der Neffe des Stammvaters Abraham (Ibrahim), in Sodom, wo die Menschen „sehr böse und sündig“ (Gen. 13,13) waren. An einem Abend versuchten die Bewohner der Stadt, Lots männliche Gäste zu vergewaltigen. Die Sünde, aufgrund derer Gott Sodom und Gomorra schließlich zerstörte, lässt sich auf verschiedene Weise interpretieren; jüdische Gelehrte sehen sie jedoch nahezu einstimmig in der Homosexualität und verweisen dabei auf Levitikus 18,22: „Und bei einem Mann sollst du nicht liegen, wie man bei einer Frau liegt: Ein Greuel ist es.“
Die Lot-Geschichte im Koran lässt hinsichtlich der Deutung ebenfalls wenig Spielraum zu. Demnach sprach Lot zu den Bewohnern von Sodom: „Wollt ihr sehenden Auges eine Schandtat begehen? Wollt ihr in Begierde zu den Männern gehen außer zu den Frauen? Aber nein, ihr seid ein unverständiges Volk.“ (Sure 27,54-55 und ähnlich Sure 26,165-166). Im Arabischen sind gebräuchliche Wörter für Homosexualität bis heute Lutiyya und Liwat, abgeleitet von Lot bzw. Lut.
In den großen Hadith-Sammlungen finden sich Aussprüche des Propheten, die insbesondere ein Verbot des Analverkehrs eindeutig formulieren. Unter Homosexualität verstehen Islamgelehrte damals wie heute insbesondere die Penetration des Anus; lesbische Liebe spielt daher in ihren Überlegungen kaum eine Rolle. So nimmt derjenige, „der es mit sich machen lässt“, freiwillig die niedere Rolle der Frau ein und wird als „Maf‘ul“ verunglimpft. Nach den entsprechenden Hadithen gilt der Analverkehr als sündhafte Praktik, auf die die Todesstrafe zu verhängen ist. Moderate Gelehrte betrachten diese Hadithe zwar als gefälscht, eine Rechtsauslegung zugunsten von Homosexuellen betreiben jedoch nur sehr wenige. Das Thema wird von so bekannten Gelehrten wie Yusuf al-Qaradawi beherrscht, der Homosexualität als „geschlechtliche Perversion“ und Homosexuelle als „abartige Elemente“ bezeichnet.
Im Jenseits ist Homosexualität jedoch erlaubt. So frohlockt der Koran mit der Vorstellung, dass im Paradies alle sexuellen Praktiken möglich sind und erzählt sowohl von schönen Mädchen als auch von schönen Knaben.

(Stand: 1. August 2013)


 
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