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Warum denken so viele Menschen, dass Islamisten Terroristen sind?

In der Öffentlichkeit wie auch in der Wissenschaft gibt es sehr unterschiedliche Definitionen von Islamismus. Allen Islamisten ist aber die Ausrichtung ihres Lebens nach den Lehren des Islams gemein. Ihre Religionspraxis wie das fünfmalige Gebet, die Geschlechtertrennung oder das Fasten im Ramadan betrachten sie dabei nicht als Privatsache, sondern fordern deren Befolgung durch alle Muslimas und Muslime. Nicht das Volk, sondern Gott wird als oberster Gesetzgeber eines großen Landes angesehen, in dem alle Muslime geeint und friedlich leben (arabisch: Umma). Meinungsvielfalt ist hier nur eingeschränkt möglich, da es durch die Gottesherrschaft nur eine Wahrheit geben kann. Dabei meint jede islamistische Gruppe, die beste Form des Islams bereits entdeckt zu haben. Andere Interpretationen werden abgewertet, allein die eigene Version soll in allen Lebensbereichen – Religion, Politik, Wirtschaft, Recht, Bildung und Erziehung – umgesetzt werden.
Der richtige Weg hin zu einem islamischen Staat ist unter Islamisten genau so umstritten wie die Einzelheiten des dann hier anzuwendenden göttlichen Rechts (arabisch: Scharia). So gibt es die moderaten Islamisten, die als Kandidatinnen und Kandidaten bei Wahlen antreten, in vielen Parlamenten – teils in der Regierungsverantwortung – sitzen und keinen Widerspruch zwischen Scharia und Demokratie sehen. Sie begreifen das göttliche Recht vor allem auf den zivilgesellschaftlichen Bereich bezogen, beispielsweise das Familienrecht, und versuchen allein hier, Gesetzesveränderungen voranzutreiben. Anderen Gruppierungen – wie beispielsweise den Muslimbrüdern in Ägypten – wird zugetraut, die Demokratie nur zu benutzen, um diese dann nach einem Wahlsieg abzuschaffen. Daher wurden sie gerade erst wieder verboten. In weiteren Staaten wie beispielsweise dem Iran finden zwar regelmäßig Wahlen statt, eine Abkehr vom islamischen Staat auf demokratischem Wege ist jedoch aufgrund der Verfassung ausgeschlossen. Und schließlich agieren als kleine Gruppe innerhalb des islamistischen Spektrums radikale Akteure, die Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele ansehen und außerparlamentarisch einen Umsturz herbeiführen wollen, nach dem ein Kalif von Gottes Gnaden als alleiniger Herrscher eingesetzt werden soll.
Die Anwendung von Gewalt wird bis heute in den verschiedenen islamistischen Gruppen diskutiert und unterschiedlich beantwortet. Die ägyptischen Muslimbrüder beispielsweise propagieren seit den 1970er Jahren die Gewaltlosigkeit bei der Herbeiführung eines neuen Systems im eigenen Land, Gewalt sei nur legitim im Rahmen der Selbstverteidigung während eines Krieges. Die Abspaltung diverser radikaler Kleingruppen war die Folge.
Die Legitimation von Terror, also die systematisch eingesetzte, aber willkürlich erscheinende Gewalt gegen staatliche Einrichtungen wie auch gegen die Bürgerinnen und Bürger eines als feindlich definierten Staatssystems, rückte in den 1990er Jahren bei einigen islamistischen Gruppen verstärkt ins Zentrum ihrer Ideologien.
Seit 1993 operiert das internationale Netzwerk al-Qaida. Ihre Kämpfer ziehen nicht als Soldaten in Uniform eines bestehenden Staates in den Krieg, sondern agieren vor allem im Untergrund und begehen Bombenanschläge, bei denen sie auch den eigenen Tod in Kauf nehmen. Dadurch werden sie in ihrer Vorstellung zu Märtyrern (arabisch: Schahid, Pl. Schuhada) und gehen direkt ins Paradies ein. Ihren bewaffneten, Gott geweihten Kampf gegen die „Feinde des Islams“ in der ganzen Welt bezeichnet al-Qaida als Dschihad (arabisch: Anstrengung), der Pflicht eines jeden „rechtgläubigen“ Muslims sei. Andersdenkende Muslime gelten als „Ungläubige“ (arabisch: Kafir, Pl. Kufar) und folglich wie alle im „Gebiet des Krieges“ (arabisch: Dar al-Harb) lebenden Nicht-Muslime als feindlich und zu töten.
Die Terroristen versuchen, durch Angst und Schrecken die aus ihrer Sicht illegitimen Regierungen in islamisch geprägten Ländern und in Europa und den USA zu stürzen. Ziele von Angriffen sind staatliche und zivile Einrichtungen: Militärstationen, Parlamentsgebäude und Botschaften, Firmenkomplexe und ausländische Hotels, Einkaufszentren, Flughäfen oder Gotteshäuser von Andersgläubigen. Die meisten Anschläge ereignen sich in islamischen Ländern, beispielsweise im Irak. Seltener, aber mit großer Wirkung sind Anschläge in Europa und den USA. Die Angriffe auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 – mit ca. 3000 Toten der größte islamistisch-terroristische Angriff der Geschichte – hat heute weltweit noch intensive Auswirkungen auf das tagespolitische Geschehen.
Nahezu täglich ist im Fernsehen und Radio sowie in Zeitungen von neuen Anschlägen radikaler Islamisten zu hören und zu lesen. Hinzu kommen Berichte über extremistische deutsche Muslime, die in den Dschihad in Irak, Afghanistan oder Syrien ziehen. Dass es neben dieser kleinen Randgruppe auch Islamisten gibt, die keine Gewalt anwenden oder sich explizit von Gewalt distanzieren, gerät dabei aus dem Blick. Da sie keinen Anlass für mediale Berichterstattung geben, werden sie von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen, so dass mit der Zeit eine Gleichsetzung von Islamismus und Terrorismus erfolgt.

(Stand: 7. Mai 2014)


 
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