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Warum sind die meisten Menschen so rassistisch?

Die Ausgrenzung oder Verfolgung von bestimmten Menschengruppen innerhalb einer Gesellschaft hat es schon immer gegeben. Von der Hautfarbe, der Religionszugehörigkeit, der sexuellen Orientierung oder der Lebensweise werden dabei pauschal negative charakterliche Eigenschaften abgeleitet, zum Beispiel eine kriminelle Veranlagung, ein geringer Bildungshintergrund oder eine Gefahr für die öffentliche Ordnung.
Ende des 19. und vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts „forschten“ Biologen an Schwarzen, Juden und Sinti und Roma („Zigeuner“) und versuchten, deren schlechte Behandlung durch die weiße, christliche Mehrheitsgesellschaft wissenschaftlich zu rechtfertigen. In dieser Zeit entstand die Vorstellung von verschiedenen Menschen-„Rassen“, die die „Wissenschaftler“ in eine Werte-Skala fügten. Ganz unten standen die „minderwertigen Rassen“, ganz oben die „Herrenmenschen“. Letztere zeichneten sich angeblich durch ihren Körperbau, die Hautfarbe, das reine Blut und die guten Gene aus. Aus diesen biologischen Faktoren folgte auch eine vermeintliche Überlegenheit in Intelligenz, Sprache und Kultur.
In einem rassistischen Weltbild liegt die Einsortierung eines Menschen in eine Gruppe – sei sie nun „minderwertig“ oder „überlegen“ – von Geburt an „im Blut“ und ist damit endgültig, d.h. sie ist weder durch eine Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes, des Wechsels der Religionszugehörigkeit, das Erlernen einer neuen Sprache oder durch den Umzug in ein anderes Land veränderbar. Die sich als „rassisch überlegen“ fühlenden Menschen leiten daraus ab, sie dürften über die „rassisch Minderwertigen“ herrschen oder diese sogar vernichten.
Rassismus ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern häufig in den Strukturen eines ganzen Staates verankert. So wird Rassismus meist von denjenigen ausgeübt, die sich ohnehin schon in einer Machtposition befinden. Er sichert die Position der herrschenden Elite und somit das Fortbestehen eines Gesellschaftssystems. Von Diskriminierung im öffentlichen und privaten Leben über Sklaverei bis hin zu Pogromen und Völkermorden reichen die Folgen von Rassismus. Sehr drastische Beispiele aus der jüngeren Geschichte sind auch das Apartheid-Regime in Südafrika und die Rassentrennung in den USA.
Infolge der massiven Menschenrechtsverletzungen im Zweiten Weltkrieg, insbesondere infolge des Holocausts, der vor allem ein Ergebnis des rassistischen Weltbildes der Nationalsozialisten war, verabschiedete die UN-Generalversammlung am 10. Dezember 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Wesentlicher Bestandteil der Erklärung sind die Rechte auf Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit. Dabei hat „jeder (…) Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“.
Das Prinzip der Gleichheit aller Menschen in Recht und Würde findet sich auch im deutschen Grundgesetz (Artikel 3, Absatz 1). Die Bundesregierung fördert viele Projekte im Bereich der Demokratiebildung und des Antirassismus-Trainings, dazu kommt eine Fülle von privaten Initiativen engagierter Bürgerinnen und Bürger. An den Schulen können sich Jugendliche beispielsweise bei dem Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ für Toleranz und Frieden einsetzen.
Inzwischen hat auch die Wissenschaft Einigkeit darüber erzielt, dass die genetischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Volksgruppen so minimal sind, dass sie nicht ausreichen, um von „Rassen“ zu sprechen, auch wenn Menschen sehr unterschiedlich aussehen und leben.
Rassistische Denk- und Handlungsweisen sind jedoch trotz der schrecklichen Erfahrungen in der Geschichte, den wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Engagement in der Zivilgesellschaft keineswegs verschwunden – im Gegenteil. Neben den seit Jahrhunderten bestehenden Rassismen wie beispielsweise gegenüber Schwarzen, Juden und Sinti und Roma radikalisierten sich neue Angst- und Feindbilder. Hierzu zählt beispielsweise der antimuslimische Rassismus, auch Islamophobie genannt. Seine Vertreter zeichnen das Bild zweier sich gegenüberstehender Blöcke: auf der einen Seite der „Westen“ mit seiner „christlich-abendländischen Kultur“ und auf der anderen Seite „der Islam“. Diese beiden Blöcke gelten als nicht miteinander vereinbar, denn „der Westen“ sei aufgeklärt, demokratisch und hochentwickelt, „der Islam“ hingegen rückständig und gewaltbereit.
Der Rassist teilt die Welt in „gut“ und „böse“ ein und versimpelt sie dadurch. Er erleichtert sich sozusagen das Leben, indem er ohne Überprüfung des Einzelfalls aufgrund einer pauschalen Gruppenbeschreibung Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen zieht. Das einzelne Opfer wird so entindividualisiert, womit der Verlust der persönlichen und menschlichen Rechte und Würde einhergeht. Ob die vorgenommene Zuschreibung zutrifft, halb wahr oder falsch ist, ist dabei egal. Was zählt, ist die Abwertung des anderen und seine Ausgrenzung, denn daraus folgt die Definition der eigenen Identität, deren Stärkung und ein andauerndes Überlegenheitsgefühl.

(Stand: 21. Mai 2014)


 
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