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Welche Konflikte gibt es zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen im Islam?

Wie in jeder anderen Religion gibt es auch im Islam nicht nur eine Glaubensrichtung. Die zahlenmäßig bedeutendsten Gruppen sind die Sunniten und Schiiten. Beide sind in sich in viele weitere Konfessionen, Denkschulen, Glaubenspraxen und Politik- und Gesellschaftsauffassungen untergliedert, die sich von Land zu Land unterscheiden und liberal, konservativ oder sehr streng gelebt werden.
Sunniten und Schiiten sind im Streit um die politische und geistige Führung der jungen islamischen Gemeinde nach Muhammads Tod im Jahr 632 entstanden. Die Schiiten (von Schia, arabisch: Partei) lehnten den von den Sunniten als Kalifen (arabisch: khalifa; Nachfolger) ernannten Abu Bakr (um 573-634), ein treuer Freund und Schwiegervater des Propheten, ab und stimmten für Ali ibn Abi Talib (um 600-661), Muhammads Cousin und Schwiegersohn. Sie meinten, nur ein Verwandter des Propheten habe für ein solches Amt die göttliche Segenskraft, außerdem habe Muhammad selbst vor seinem Tod Ali zu seinem Nachfolger bestimmt, die Sunniten hätten diesen Passus jedoch aus dem Koran entfernt und damit das göttliche Wort verfälscht. Die Sunniten waren letztlich in der Mehrheit und setzten stets ihre Kandidaten, die von einem Rat gewählt wurden, als „rechtgeleitete Kalifen“ durch. Nach der Ermordung Alis und den vergeblichen Bemühungen seiner Söhne Hasan und Husain, die Macht zu erringen, eskalierte im Jahr 680 der Streit in einen offenen Krieg (Schlacht von Kerbela), in dem Husain als Märtyrer starb. Daraufhin spaltete sich die islamische Welt unumkehrbar in sunnitische und schiitische Regionen.
Schiiten leben heute mehrheitlich im Iran und im Irak sowie als Minderheit im Libanon, in Syrien, der Türkei, Afghanistan, Saudi-Arabien, den Golfländern, Indien und Pakistan. Insgesamt machen sie um die zehn Prozent aller Muslime weltweit aus. Innerhalb der Schia bildeten sich in der Geschichte zahlreiche Untergruppen heraus. Anhänger der sogenannten Zwölferschia, die im Iran Staatsreligion ist, verehren die männlichen Nachkommen Muhammads als heilig und erkennen sie als Führer der Muslime (arabisch: Imam) an. Ihre Grabstätten in Nadschaf (Irak), Qom (Iran) und anderen Orten wurden zu Wallfahrtsstätten, die für Schiiten fast wichtiger als Mekka geworden sind. Ein wichtiger Feiertag der Schiiten ist Aschura. An diesem Tag ziehen die Menschen in Trauerprozessionen durch die Städte, einige fügen sich mit Messern und Ketten selbst Verletzungen zu, um das Leiden des in der Schlacht von Kerbala gefallenen Prophetenenkels Husain nachzuempfinden und die Schuld zu büßen, die die Schiiten auf sich luden, als sie ihm nicht zur Hilfe gekommen waren. Ein wichtiger Aspekt ist auch der Glaube, dass im Jahr 941 der zwölfte Imam, Muhammad al-Mahdi, in den Himmel entrückt sei. Seitdem leite er aus der Verborgenheit die Gemeinde und werde zu einem unbekannten Zeitpunkt wiederkehren, um nach einem Endkampf gegen das Böse in der Welt ein Friedensreich zu stiften. Bis dahin regieren islamische Rechtsgelehrte, sogenannte Ajatollahs (arabisch/persisch: Zeichen Gottes), im Iran als seine Stellvertreter.
Sunniten (von ahl as-sunna, arabisch: Leute der Sunna/Tradition des Propheten) machen heute etwa 85 Prozent aller Muslime aus. Ihnen sind die ausgeprägte Theologie von Leid und Erlösung der Schiiten sowie die Verehrung von Menschen als Heilige fremd, letzteres gilt sogar als gotteslästerlich. Auch kennen sie keine als unfehlbar geltende, zwischen Gott und den Menschen vermittelnde Instanz, so wie sie bei den Schiiten in Form der zwölf Imame existiert. Die Azhar in Kairo, im 10. Jahrhundert gegründet, versteht sich jedoch als maßgebende wissenschaftliche Institution von internationalem Rang, die sozusagen einen „islamischen Mainstream“ vertritt, also über die „richtige“ Lesart des Korans und das Verständnis weiterer heiliger Schriften sowie über aktuelle Fragen der Glaubenspraxis und Politik für alle Muslime zu bestimmen versucht. Die vier großen sunnitischen Rechtsschulen – Hanafiyya, Malikiyya, Schafi‘iyya und Hanbaliyya – sind gleichermaßen an der Azhar repräsentiert. 1959 erkannte die Azhar auch die dschafaritische Rechtsschule der Schiiten als rechtgläubig an, Teile der Sunniten (z. B. die Wahhabiten in Saudi-Arabien) lehnen diese Entscheidung jedoch ab.
Schiitische und sunnitische Islam- und Rechtsgelehrte befinden sich weder in großem theologischen Austausch noch in großer Feindschaft miteinander, wenngleich einige Hardliner die jeweils andere Seite immer wieder mit diskreditierenden Fatwas (arabisch: Rechtsempfehlung) überziehen. Die Aufspaltung des Islams in diese zwei großen Konfessionen ist allgemein akzeptiert. Zu größeren Konflikten kommt es vor allem auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Seit der iranischen Revolution 1979 und aktuell seit den Bürgerkriegen im Irak und in Syrien sind die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten wieder gestiegen. Saudische Wahhabiten und die aus ihnen hervorgegangenen Salafisten (arabisch: as-salaf as-salih, „die rechtschaffenden Altvorderen“) schüren antischiitische Ressentiments auch in Deutschland.
Einig sind sich dagegen viele sunnitische und schiitische geistige wie politische Führer in ihrer Ablehnung von weiteren kleineren Gruppen innerhalb und am Rande des islamischen Spektrums; hier herrscht teils eine rigorose und sehr intolerante Haltung vor.
Im 11. Jahrhundert gingen aus der Schia die Drusen hervor. Diese Gruppe lebt heute vor allem im Libanon, in Syrien und Israel. Zwar spielt der Koran als heilige Schrift für die Drusen eine wichtige Rolle, sie haben jedoch keine Moscheen, es gibt keine Kopftuch-Pflicht, und man kann nicht zum Drusentum konvertieren. Die Drusen haben eine solch andere Theologie entwickelt, dass sie als eigenständige Religion gilt. So glauben sie an die Wanderung der Seele eines Menschen nach dessen Tod in einen neugeborenen Menschen – eine Vorstellung, die Muslimen vollkommen fremd ist. Da sich die Drusen in Israel als loyale Staatsbürgerinnen und -bürger verstehen und daher beispielsweise im Militär dienen, erfahren sie von Muslimen viel Ablehnung.
Auch die im 13./14. Jahrhundert entstandenen Aleviten leiden unter dem Verdacht, politisch unzuverlässig zu sein. In der Türkei erleben sie bereits seit Jahrhunderten Diskriminierung und teilweise sogar physische Verfolgung. Wie die Drusen entwickelten auch sie eine solch stark von den Schiiten und erst recht von den Sunniten unterschiedliche Theologie und Glaubenspraxis, dass sie sich selbst manchmal gar nicht als Muslime verstehen und von diesen auch oft als solche nicht anerkannt werden.
Eine Existenz am Rande des Islams pflegt auch die im 19. Jahrhundert in Indien und Pakistan entstandene Ahmadiyya. Ihr Gründer Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908) verstand sich als der von den Schiiten herbeigesehnte Mahdi und als wichtigster Prophet nach Muhammad. Sowohl Sunniten als auch Schiiten betrachten diese Selbstdarstellung als unannehmbar, denn nach Sure 33, Vers 40 gilt Muhammad als „Siegel der Propheten“. Die „Islamische Weltliga“, eine von Saudi-Arabien finanzierte internationale Nichtregierungsorganisation, bezeichnete die Ahmadiyya in den 1970er Jahren als „ungläubig“ und schloss sie aus dem Islam aus – Unterdrückung und Verfolgung von Ahmadis in vielen islamischen Ländern waren die Folge. Anders als viele Drusen und Aleviten verstehen sich die Ahmadiyya-Anhängerinnen und -Anhänger ganz klar als Muslime.
Ähnlich stark verfolgt werden die Bahai. Auch ihr Begründer Baha’ullah (1817-1892) verstand sich als messianische Gestalt und eckte mit dieser Behauptung bei den Schiiten im Iran kräftig an. Bahai glauben an Muhammad als einen von vielen wichtigen Propheten und den Koran als eine Offenbarungsschrift, sie entwickelten die islamischen Inhalte jedoch ausgerichtet an den Lehren von Baha’ullah vor allem in Bezug auf die Vorstellungen von der Endzeit weiter und schufen ein gänzlich anderes Bild von gesellschaftlichem Zusammenleben. Die Bahai-Gemeinde versteht sich heute explizit als eigenständige Religionsgemeinschaft. Da sich ihr heiliges Zentrum, das Grab von Baha’ullah, in Haifa/Israel befindet, betrachten viele Muslime sie als politisch auf Seiten des Westens stehend. Ihre Anhängerinnen und Anhänger werden besonders im Iran unterdrückt und verfolgt, auch in Deutschland erleiden die Bahais vor allem seitens der Schiiten und radikaler Sunniten Feindschaft.
Nicht nur außerhalb des sunnitischen und schiitischen Islams stehende Glaubensgemeinden erfahren von Gelehrten, Politikern und Mehrheits-Muslimen Ablehnung. Ein Beispiel hierfür sind die Sufis, die sich Gott durch Weltentsagung und Meditation zu nähern versuchen und der Scharia (arabisch: islamisches Recht) die Mystik entgegenstellen. Auch hier sind es vor allem streng konservative Sunniten wie die Wahhabiten und Salafisten, die ihre Glaubenspraxis als „unislamisch“ verurteilen. Anstoß erregen vor allem die Musik und der Tanz, mit denen sich Sufis in Trance versetzen, sowie die Verehrung von als heilig verstandenen früheren Lehrmeistern.

(Stand: 13. Juni 2014)


 
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