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Wieso töten manche Muslime andere Menschen?

Die derzeitigen Nachrichten aus Ländern wie Syrien, dem Irak und Afghanistan zeigen, dass manche Muslime im Namen ihrer Religion äußerst brutal andere Menschen töten und verletzen, sie entführen und vergewaltigen sowie Häuser und Kulturdenkmäler zerstören. Die große Mehrheit der Muslime in der Welt ist von dieser Brutalität und Menschenverachtung genauso entsetzt wie die Nichtmuslime. Die deutschen Islamverbände beispielsweise haben mehrfach den islamistischen Terror verurteilt und Aktionen zu Frieden und Toleranz ins Leben gerufen.
Verstöße gegen die weltweit geltenden Genfer Konventionen (Abkommen des humanitären Völkerrechts im Kriegsfall) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte geschehen in jedem Krieg. Das 20. Jahrhundert weist viele Kriege auf, in denen Millionen Menschen Völkermorden oder äußerst rücksichtsloser Kriegsführung zum Opfer fielen, man denke nur an den Völkermord an den europäischen Juden. Hier waren es keine Muslime, die gemordet haben. All diese menschenverachtenden Taten geschehen dort, wo internationales Recht und persönliches Gewissen gegenüber einer übersteigerten Ideologie und einer entfesselten Gier nach Macht und Besitz zurücktreten.
Was wir derzeit im Nahen Osten beobachten müssen, hat seinen Ursprung in der politischen Zerrüttung der dortigen Staaten. Nach den Terroranschlägen auf die USA am 11. September 2001 griff eine internationale Allianz Afghanistan an, um den dort vermuteten al-Qaida Chef und Hauptverantwortlichen für die Anschläge, Osama Bin Laden, gefangen zu nehmen und das dort bestehende Regime der Taliban zu stürzen. Im Frühjahr 2003 begannen die USA mit ihren Verbündeten einen weiteren Krieg gegen den Irak, von dem man fälschlicherweise annahm, dass er Atomwaffen entwickele und damit der westlichen Welt sehr gefährlich werden könne. Viele Afghanen und Iraker sowie viele Muslime weltweit verstanden die Kriege als „Kreuzzug“ gegen den Islam an sich. Man sah sich durch „den Westen“ überfallen und beraubt sowie unterdrückt und gedemütigt.
Radikale Muslime forderten nun ihre Glaubensgeschwister dazu auf, sich in einem Dschihad (arabisch: Anstrengung; Heiliger Krieg) gegen die westlichen Angreifer zur Wehr zu setzen. Sie behaupteten, es sei die Pflicht eines jeden Muslims, zur Waffe zu greifen und das eigene Land zu verteidigen. In Afghanistan und im Irak folgten Jahre der Gewalt gegen ausländische Soldaten, aber auch gegen Muslime, die proamerikanisch eingestellt waren und sich an dem neuen System beteiligten. Im islamistischen Sprachgebrauch sind westliche Ausländer „Ungläubige“ (arabisch: Kufar, Singular: Kafir) und liberale Muslime „Verräter“ und „vom Islam Abgefallene“ (arabisch: Murtaddun, Singular: Murtadd). Nach ihrer Ideologie ist es legitim, beide zu töten.
Mittlerweile sind die westlichen Truppen aus dem Irak ganz abgezogen und in Afghanistan verringert worden, in beiden Ländern wurden neue Regierungen gewählt und mit internationaler Hilfe Schulen, Krankenhäuser und Fabriken gebaut. Dennoch hat sich die Lage nicht beruhigt – im Gegenteil: In der Folge des „Arabischen Frühlings“, einer im Dezember 2010 begonnenen prodemokratischen bürgerlichen Bewegung in vielen arabischen Ländern, schlugen die seit Jahrzehnten streng regierenden Diktatoren rücksichtslos ihr eigenes Volk nieder. In Ägypten, Libyen, Tunesien, Jemen und Syrien spaltete sich die Bevölkerung in Unterstützer und Gegner der Präsidenten auf. Es kam schnell zu Unruhen und sogar bürgerkriegsähnlichen Situationen, in denen sich die Feinde gegenseitig umbrachten, zudem mischten sich auch ausländische Islamisten und westliche Regierungen in die inneren Angelegenheiten der Länder ein.
Am verworrensten ist heute die Lage in Syrien und im Irak. Durch die Schwäche beider Regierungen fehlen die nötigen staatlichen Strukturen, um das Auseinanderbrechen der Länder zu verhindern. Es gibt keine funktionierende Armee und Polizei mehr, die Lebensmittelpreise werden immer teurer, die Krankenhäuser sind überlastet, der Strom fällt ständig aus, Schulen sind geschlossen.
Viele Menschen sind nach den jahrelangen Kriegen und den einhergehenden Leiden schwer traumatisiert, manche sind auch verroht und abgestumpft. Ein Menschenleben scheint hier nicht mehr so viel zu zählen. Um sich gegen gewalttätige Eindringlinge in der Stadt zu wehren, bleibt meist nur der eigene Griff zu Waffe, d.h. ebenfalls zu töten. Es gibt aber auch Menschen, die sich mordenden und plündernden Gruppen anschließen, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, ihre Familien zu ernähren. Wenn Menschen in tiefster Not sind, können sie sogar andere töten. Und schließlich sind da diejenigen, die aus einem Gefühl tiefen Hasses heraus freiwillig in den Krieg ziehen, um gezielt vermeintliche Feinde zu ermorden.
In dieses Chaos greifen islamistisch-terroristische Gruppen ein und versprechen den Menschen, dass der Islam die Lösung für ihre Probleme sei. Zunächst gelte es jedoch, alle Feinde zu töten, erst dann könne ein „Gottesstaat“ aufgebaut werden. Kritiker der Islamisten sagen, dass diese die Religion missbrauchen, wenn sie Gewalt im Namen Gottes ausüben, denn die meisten Muslime sind der Auffassung, dass der Islam eindeutig das Töten von Menschen aus niederen Beweggründen wie zum Beispiel Hass auf Andersgläubige verbietet. Eine Vielzahl von Islamgelehrten hat sich gegen den Terrorismus von al-Qaida und dem „Islamischen Staat“ (IS) gewandt und eine „islamische Ethik des Krieges“, ähnlich dem humanitären Völkerrecht, formuliert. Demnach dürften Muslime niemals einen Angriff auf ein friedliches Land ausüben, Gewalt dürfe allein im Verteidigungsfall angewandt werden. Weiter solle im heiligen Monat Ramadan nicht gekämpft werden, Frauen und Kinder seien zu verschonen, sinnlose Zerstörung ebenfalls verboten.
Die Kämpferinnen und Kämpfer des „Islamischen Staates“, einer von der übrigen Welt als Terror-Organisation bezeichnete Gruppe, die mittlerweile große Gebiete Syriens und des Iraks erobert und hier ein strenges Regime etabliert hat, versteht sich jedoch dessen ungeachtet in einem als „heilig“ empfundenen, von Gott gewollten Krieg (arabisch: Dschihad). Den Nahen Osten wollen sie von den „Ungläubigen“ und „Verrätern“ befreien, um hier anschließend einen nach ihrem Verständnis islamischen Staat aufzubauen. Das Weltbild des IS ist sehr simpel: Auf der einen Seite gibt es „das Gebiet des Islams“ (arabisch: Dar al-Islam), auf der anderen Seite „das Gebiet des Krieges“ (arabisch: Dar al-Harb). Im „Gebiet des Krieges“ leben die „Ungläubigen“, die die Muslime bedrohen. Wie der Name bereits sagt, müssen die Muslime dieses Gebiet im Kampf erobern und den Islam damit auf die ganze Welt ausdehnen. Doch auch im „Gebiet des Islams“ finden sich nach Meinung des IS viele Feinde: schiitische Muslime, jesidische Kurden, Christen, Juden – eben alle, die nicht sunnitische Islamisten sind.
Diese Ideologie ist sehr extrem und findet nur unter wenigen Muslimen Zustimmung. Die Mehrheit der Muslime möchte nicht in einem solchen Staat leben, wie es den Extremisten beispielsweise in Form des „Islamischen Staates“ vorschwebt. Um einen weiteren Vormarsch des „Islamischen Staates“ zu verhindern, sehen viele (auch muslimische) Staaten der Welt sich veranlasst, gleichermaßen militärisch zu reagieren – auch wenn dabei Unschuldige sterben.

(Stand: 16. Juli 2015)


 
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