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Wie leben Türken in Deutschland?

In Deutschland haben rund 1,5 Millionen Menschen einen türkischen Pass. Weitere 1,5 Millionen Personen besitzen zwar nicht die türkische Staatsbürgerschaft, besaßen sie aber in der Vergangenheit oder haben durch ihre Familie Verbindungen in die Türkei. Etwa die Hälfte dieser rund drei Millionen „Türkeistämmigen“ hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Etwas weniger als ein Fünftel von ihnen hat sowohl einen deutschen als auch einen türkischen Pass.

Die Türkeistämmigen leben ein recht normales Leben in Deutschland. In einer 2016 veröffentlichten Umfrage gaben 90 Prozent von ihnen an, dass sie sich in Deutschland wohlfühlten. Gut die Hälfte der Befragten sagte allerdings auch, dass sie sich als Bürger zweiter Klasse fühlten, was mit Diskriminierung im Alltag zu tun hat. Zum Beispiel ist es für Menschen mit einem türkischen Namen schwerer, eine Arbeitsstelle zu finden, als für Leute ohne Migrationshintergrund.

Auch wenn die Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund oftmals verschwimmen, lassen sich einige Besonderheiten beschreiben. So liegen die Wohnorte der Türkeistämmigen vor allem in den Bundesländern des ehemaligen Westdeutschlands und hier vor allem in den Städten. In Gebieten mit viel Industrie – zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen – wohnen besonders viele Türkeistämmige. Im ehemaligen Ostdeutschland, also in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, leben generell weniger Menschen mit Migrationsgeschichte. In Berlin, das früher zwischen West- und Ostdeutschland geteilt war, finden sich sehr viele Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.

Diese Verteilung hat vor allem historische Gründe. In den sechziger Jahren wurden in der Bundesrepublik Deutschland, also in Westdeutschland, Arbeitskräfte gesucht. Da es in der Türkei zu der Zeit nicht genug Arbeit gab, wurden viele Türken angeworben, um in der Bundesrepublik zu arbeiten. Anfangs dachte man, dass die als „Gastarbeiter“ bezeichneten Personen bald wieder zurückkehren würden. Dies war aber oft nicht der Fall. Stattdessen kamen mit der Zeit auch viele Frauen und Kinder nach. Heute leben die aus der Türkei Eingewanderten und ihre Nachkommen als selbstverständlicher Teil der deutschen Bevölkerung und haben das Land stark geprägt.

Was Schule und Ausbildung angeht, lässt sich sagen, dass Türkeistämmige in Deutschland im Durchschnitt weniger gut ausgebildet sind als Personen ohne Migrationshintergrund. Natürlich gibt es viele hochgebildete Türkeistämmige, aber überdurchschnittlich viele haben eine niedrige Schulbildung oder gar keinen Schulabschluss. Nur eine Minderheit macht Abitur. In der Berufsbildung setzt sich dies fort: Personen mit türkischem Migrationshintergrund haben deutlich öfter keinen Berufsabschluss als Menschen ohne Migrationshintergrund.

Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir einen Blick in die Geschichte werfen: Viele der Männer, die in den sechziger Jahren einwanderten, kamen aus einem bildungsfernen sozialen Umfeld. In Deutschland wurden sie für Tätigkeiten mit geringen Anforderungen gebraucht. Viele arbeiteten zum Beispiel im Bergbau oder in Fabriken – in der Eisen-, Stahl- und Automobilindustrie. Nicht angeworben wurden Akademiker, also Menschen, die studiert haben.

Die sechziger Jahre sind mittlerweile zwar schon ein halbes Jahrhundert her, aber die Folgen der Einwanderung von damals sind noch heute zu beobachten. Das wiederum hat mit dem deutschen Schulsystem zu tun. Denn hierzulande hat die soziale Herkunft der Eltern sehr großen Einfluss auf die Bildung der Kinder. Wenn zum Beispiel die Eltern nicht studiert haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Kinder nicht studieren sehr viel höher als bei Eltern, die selber studiert haben. Natürlich kann theoretisch jeder Jugendliche Abitur machen und studieren oder auch einen Beruf erlernen. Je nach der sozialen Herkunft macht es das Bildungssystem aber für einige Kinder schwerer als für andere. Diese Ungerechtigkeit wird von vielen kritisiert.

Folglich arbeiten heute viele Türkeistämmige in Berufen, für die man nicht studieren muss. Besonders türkeistämmige Männer sind überdurchschnittlich oft als Arbeiter tätig. Insgesamt verdienen Türkeistämmige im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen weniger Geld. Auch sind sie im Vergleich zu Personen ohne Migrationshintergrund, aber auch im Vergleich zu Personen mit anderem Migrationshintergrund häufiger arbeitslos.

Aber natürlich gibt es auch Professorinnen und Professoren und andere Intellektuelle genauso wie reiche Geschäftsmänner oder -frauen mit türkischem Migrationshintergrund. Eine ganze Reihe von Personen, deren Eltern aus der Türkei kommen, sind auch sehr berühmt geworden: zum Beispiel der Fußball-Nationalspieler Mesut Özil, die Nachrichtensprecherin Pinar Atalay, der Regisseur Fatih Akin oder auch Aydan Özoğuz, eine der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung.

Schließlich lässt sich noch etwas über die Religion der Türkeistämmigen in Deutschland sagen. Anders als der Rest der Bevölkerung ist der Großteil von ihnen muslimisch, entweder sunnitisch oder alevitisch. Die bereits erwähnte Studie über Türkeistämmige in Deutschland kommt zu dem Ergebnis, dass die Religion für viele eine sehr wichtige Rolle spielt. Besonders unter den Jüngeren – man spricht von der zweiten und dritten Generation – bezeichnen sich viele als sehr religiös. Das hat allerdings nicht immer Auswirkungen auf den Alltag: Die Ergebnisse zeigen auch, dass die Kinder und Enkel der Einwanderer aus der Türkei weniger glaubensstreng leben. Sie beten seltener als ihre Eltern oder Großeltern und gehen weniger häufig in die Moschee.

(Stand: 29. September 2016)


 
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