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Glaubt jeder Muslim gleich viel?

Religiöser Glaube und eine fromme Lebensführung haben für jeden Menschen eine ganz eigene Bedeutung, so auch für Musliminnen und Muslime.

Der Islam zählt weltweit über 1,8 Milliarden Anhängerinnen und Anhänger. Musliminnen und Muslime gehören dabei vielen verschiedenen Glaubensrichtungen an: Die meisten sind Sunniten (ca. 85 Prozent) oder Schiiten (10 bis 12 Prozent), daneben gibt es noch eine Reihe weiterer kleinerer Gruppen wie beispielsweise das Alevitentum oder die Ahmadiyya. Diese Glaubensrichtungen unterteilen sich oft noch einmal in unterschiedliche Lehrmeinungen oder sie sind durch regionale Traditionen geprägt. Darüber hinaus haben viele weitere Faktoren Einfluss auf den Glauben von Menschen und ihre religiöse Praxis, zum Beispiel die Staatsform eines Landes, der wirtschaftliche Wohlstand, Bildung und Beruf, die ganz privaten Erlebnisse im Leben.

So lässt sich weder sagen, dass Musliminnen und Muslime gleich viel noch alle dasselbe glauben würden. Da die Begriffe Islam und Glaube theologisch nicht gleichbedeutend sind, kann es sein, dass sich eine Person als Muslim bezeichnet und damit seine Verbundenheit mit der islamischen Gemeinschaft und Geschichte zum Ausdruck bringt, aber gar nicht gottgläubig ist. Andersherum werden Menschen oft aufgrund ihrer Herkunft aus einem islamischen Land oder einer muslimischen Familie als Muslim bezeichnet, obwohl die entsprechende Person diese Bezeichnung für sich ablehnt.

Das islamische Glaubensbekenntnis lautet: „Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt und dass Mohammed der Gesandte Gottes ist.“ Wer diesen Satz spricht, bekennt sich als Muslim und damit zum Monotheismus (Eingottglaube), zur Prophetenschaft Muhammads und zum Koran als von Muhammad den Menschen überbrachte göttliche Offenbarung.

Aus dem Koranvers 4,136 leiteten islamische Gelehrte darüber hinaus sechs Glaubensartikel ab. Demnach beinhaltet der Islam den Glauben an 1. einen einzigen Gott, 2. seine Engel, 3. seine Offenbarung (auch die jüdische Tora und die christliche Bibel), 4. seine Propheten (darunter auch jüdische und christliche), 5. den Tag des Jüngsten Gerichts und das Leben nach dem Tod (Paradies und Hölle) und 6. die göttliche Vorherbestimmung.

Was genau das Wesen Gottes ausmacht, ob Engel auf Erden wirken oder wie Paradies und Hölle aussehen, darüber macht sich jeder Mensch selbst mehr oder weniger seine eigenen Gedanken. Diese Fragen werden nie allgemeingültig zu beantworten sein. Hierin unterscheidet sich der religiöse Glaube vom Wissen. Die Bedeutung von Religion kann in unterschiedlichen Phasen im Leben mal eine größere oder mal eine kleinere Rolle spielen. Manchmal verändert sich die Intensität von Glauben schlagartig, zum Beispiel wenn jemand eine extreme Erfahrung gemacht hat, etwa einen Unfall hatte und nur knapp mit dem Leben davon kam oder aber andere schwere Schicksalsschläge verkraften musste und zutiefst unglücklich ist. Weiter kann es sein, dass bestimmte Aspekte des Glaubens für einen Menschen wichtiger oder weniger wichtig sind, beispielsweise der Gedanke an einen Schutzengel intensiver als der an Gott oder die Hoffnung auf das Paradies drängender als die Angst vor der Hölle.

In Deutschland bietet bisher nur die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ für das Jahr 2008 einen kleinen Einblick in die Glaubenswelten von Musliminnen und Muslimen hierzulande. Demnach bezeichneten sich 50 Prozent der befragten Menschen aus überwiegend islamischen Herkunftsländern als „eher gläubig“ und 36 Prozent als „sehr stark gläubig“. 10 Prozent schätzten sich selbst als „eher nicht gläubig“ ein, nur 4 Prozent sahen sich als „gar nicht gläubig“. Muslime aus der Türkei und Nordafrika waren überproportional häufig eher gläubig oder stark gläubig, Muslime aus Südosteuropa sowie Iran fielen durch geringer ausgeprägte Gläubigkeit auf. Muslimische Frauen waren aus fast allen Herkunftsgruppen tendenziell häufiger sehr stark gläubig als muslimische Männer.

Ein religiöser Glaube muss nicht unbedingt eine fromme Lebensführung zur Folge haben. Die islamische Lehre nennt fünf Hauptpflichten, die Musliminnen und Muslime in ihrem Leben erfüllen sollten: 1. Das Glaubensbekenntnis (arab.: Schahada), 2. das Gebet (arab.: Salat), 3. die Almosenabgabe (arab.: Zakat), 4. das Fasten im Monat Ramadan (arab.: Saum) und 5. die Pilgerfahrt nach Mekka (arab.: Haddsch). Wer an die sogenannten fünf Säulen des Islams glaubt und sie entsprechend praktiziert, führt ein sehr frommes Leben. Das Gebet beispielsweise ist täglich zu fünf verschiedenen Uhrzeiten, auch sehr früh morgens und spät in der Nacht, auszuführen. Für Menschen, die zur Schule gehen müssen oder einen Beruf ausüben, ist das so nicht zu schaffen. Auch das Fasten im Monat Ramadan, während dessen vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken werden darf, ist sehr schwer einzuhalten.

Die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ fragte im Jahr 2008 Musliminnen und Muslime auch zu ihrer religiösen Praxis im Alltag. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Religion für Muslime eine bedeutende Rolle spielt, jedoch starke Unterschiede zwischen den Herkunftsregionen bestehen.

Ein Drittel der Muslime gab beispielsweise an, täglich zu beten. Ein Viertel betete hingegen nie. Sunniten beteten dabei häufiger als Aleviten, denn im Alevitentum spielt das tägliche Gebet theologisch eine untergeordnete Rolle. Grundsätzlich beteten Frauen mehr als Männer. Etwa 35 Prozent der Muslime besuchten mehrmals im Monat oder sogar häufiger religiöse Veranstaltungen oder Gottesdienste in einer Moschee.

Die Einhaltung der islamischen Speise- und Getränkevorschriften (zum Beispiel kein Alkohol und kein Schweinefleisch) spielt für die Mehrheit der Muslime eine große Rolle. Fast alle Sunniten (91 Prozent) halten sich an islamische Speisevorschriften. Für Schiiten (60 Prozent) und Aleviten (49 Prozent) ist die Befolgung dieser Vorschriften weniger wichtig.

Mehr als die Hälfte aller Muslime (57 Prozent) gaben an, sich uneingeschränkt an religiöse Fastenvorschriften zu halten; hier hielten sich Personen, die zum sunnitischen Glaubensbekenntnis gehören, ebenfalls am strengsten an die religiösen Pflichten wie zum Beispiel das Fasten im Monat Ramadan (70 Prozent).

Ein Kopftuch trugen 28 Prozent der muslimischen Frauen und Mädchen. Eine Ausnahme unter den Musliminnen stellten Alevitinnen dar, die generell kein Kopftuch tragen. Als Grund für das Tragen des Kopftuches wurde von fast allen Frauen angegeben, dies aus religiöser Pflicht zu tun. Viele sehr stark gläubige muslimische Frauen sahen das jedoch anders und trugen kein Kopftuch.

(Stand: 11. Januar 2019)


 
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