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Liebt Allah auch Transsexuelle?

Transsexuelle Menschen haben nach einer Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Wunsch, als Angehörige eines anderen Geschlechts zu leben und von ihrer Gesellschaft so anerkannt zu werden. Bei transsexuellen Menschen sind die körperlichen Geschlechtsmerkmale von Geburt an für ein Geschlecht zwar eindeutig, ihre gefühlte geschlechtliche Identität stimmt aber nicht damit überein. Sie werden beispielsweise als Frau geboren, empfinden sich aber schon früh in ihrem Leben als Mann, oder umgekehrt. Oft beschreiben Transsexuelle dies mit dem Gefühl, im falschen Körper geboren worden zu sein. Transsexualität benennt keine sexuellen Vorlieben eines Menschen wie beispielsweise Homosexualität (gleichgeschlechtliche Liebe).

Obwohl das Phänomen der Transsexualität seit der Antike bekannt ist, wird Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau einordnen lassen möchten, nach wie vor sehr skeptisch begegnet. Schon in der Bibel steht, dass Gott den Menschen als „Mann und Frau“ erschaffen hat (Genesis 1,27). Ausgehend von der Unterscheidung dieser zwei Geschlechter haben sich im Laufe der Jahrtausende in allen Kulturen und Religionen der Welt verschiedene Rollenbilder von Männern und Frauen entwickelt. Menschen mit einer anderen geschlechtlichen Identität stehen zwischen allen gesellschaftlichen Kategorien.

Wie in vielen anderen Religionen gibt es auch innerhalb des Islams unterschiedliche Haltungen zum Thema Transsexualität. Manche islamische Gelehrte nennen Transsexualität eine „Krankheit“ oder betrachten sie als „göttliche Prüfung“. Andere wiederum sehen darin keinen Widerspruch zur „Schönheit der göttlichen Schöpfung“.

Die Islamische Republik Iran gilt zum Beispiel als Vorreiter für die Anerkennung von Transsexualität. Hier hatte das spätere Staatsoberhaupt Ajatollah Ruhollah Chomeini (gest. 1989) bereits 1963 eine Fatwa (arab.: Rechtsempfehlung) verfasst, die besagte, dass die sexuelle Identität eines jeden Menschen auf der Wahrnehmung von sich selbst beruhe; und in einem Buch schrieb er im selben Jahr, dass es keine religiösen Vorschriften gebe, die eine geschlechtsangleichende Operation verbieten würden. Auch der Großajatollah Muhammad Hussein Fadlallah (gest. 2010), ein aus dem Libanon stammender, ebenfalls sehr hoher schiitischer Gelehrter, schloss sich der Auffassung Chomeinis an. Gleichwohl sind transsexuelle Menschen in fast allen Ländern der Welt, auch wenn ihre Rechte durch staatliche Gesetze garantiert werden, schweren Anfeindungen durch ihre Umwelt ausgesetzt.

In der islamisch geprägten Welt gibt es immer mehr LGBTQ-Aktivist*innen (LGBTQ engl.: „Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer“; dt.: „Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender, Queer“), die dafür kämpfen, dass Menschen frei ihre persönliche geschlechtliche Rolle finden, frei über ihren Körper bestimmen und frei ihre Sexualität leben können. Darunter sind auch gläubige Muslim*innen, die der Auffassung sind, dass es bei der Frage nach Glaube und Geschlecht kein „entweder oder“ gibt, d.h. ihrer Meinung nach schließt es sich nicht aus, ein transsexueller und muslimisch gläubiger Mensch zu sein. Dabei gehen sie selbstverständlich davon aus, dass Gott sie so liebt, wie sie sind. Denn schließlich hat er selbst sie so geschaffen und im Koran heißt es ja auch: „Wir (Gott) erschufen den Menschen in vollendeter Gestalt.“ (Sure 95, Vers 4). Diese moderne Form der islamischen Frömmigkeit braucht keine Gelehrtenmeinungen; hier interpretiert jede*r für sich selbst die heiligen Texte und passt sie an das eigene Leben an.

Auch in Europa gibt es einige progressive Muslim*innen, die sich für sexuelle Vielfalt und mehrere Geschlechteridentitäten engagieren. 2012 eröffnete beispielsweise der homosexuelle Imam Ludovic-Mohamed Zahed in Paris eine LGBTQ-freundliche Moschee. Er selbst war am 18. Februar 2012 im Rahmen einer zeremoniellen Feier in einer Moschee in Paris mit seinem Partner verheiratet worden – die erste von einem Imam geschlossene Ehe zwischen muslimischen Homosexuellen. Zahed wirbt für einen menschlichen, liberalen Islam. Er weist darauf hin, dass der Islam jahrhundertelang tolerant gegenüber homo- und transsexuellen Menschen gewesen sei.

(Stand: 9. Juli 2019)


 
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