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Waren die erste und zweite Generation von Muslimen in Deutschland liberaler als die dritte, zum Beispiel in der Art sich zu kleiden?

Die jüngere muslimische Geschichte in Deutschland beginnt in den 1960er Jahren. Damals kamen Männer und Frauen aus der Türkei als sogenannte Gastarbeiter hierher; später folgten Menschen aus anderen islamisch geprägten Ländern wie Tunesien oder dem früheren Jugoslawien. Einige gingen nach einiger Zeit wieder zurück in ihre Heimatländer, andere blieben in Deutschland und bekamen Kinder und Enkelkinder. Wenn man heute von den verschiedenen Generationen von Muslimen in Deutschland spricht, meint man damit vor allem die Türkeistämmigen. Die erste Generation bilden dabei die als „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommenen Menschen, die zweite Generation sind deren Kinder und die dritte die Enkelkinder.

In den letzten Jahrzehnten sind aber auch immer wieder viele Türkinnen und Türken im Rahmen des Familiennachzuges, zum Studium oder auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland gekommen und begründeten damit neue Einwanderergenerationen. Auch Menschen aus dem nördlichen Afrika, aus Südosteuropa, Zentralasien, Iran oder dem Nahen Osten leben schon in der zweiten oder dritten Generation hier. Sie kamen u.a. aufgrund von Krieg oder Verfolgung in ihren Heimatländern nach Deutschland. Seit 2014 nahm vor allem die Migration von Menschen aus Krisengebieten wie Syrien, Irak oder Afghanistan zu.

Diese vielen verschiedenen Einwanderungsmotive und -abläufe machen es eigentlich unmöglich, klar nach Generationen muslimischen Lebens in Deutschland zu unterscheiden.

Heutzutage ist das muslimische Leben in Deutschland so vielfältig, dass sich kaum generelle Aussagen über die Art und Weise, wie Musliminnen und Muslime hier leben, machen lassen. Ihre Familien stammen aus vielen verschiedenen Herkunftsländern, sie leben hier seit Generationen oder sind gerade erst eingewandert, sie haben unterschiedliche Berufe und Bildungsabschlüsse, leben in der Stadt oder auf dem Land, ihre Religion ist ihnen mal mehr und mal weniger wichtig.

Die Vorstellung, was als „liberal“ gilt, verändert sich laufend. Das Wort kommt in ganz unterschiedlichen Kontexten vor, beispielsweise in der Politik oder in der Theologie. Angewandt auf den Lebensstil eines Menschen kann man liberal als freiheitlich, selbstbestimmt oder tolerant gegenüber anderen übersetzen. Menschen verändern im Laufe ihres Lebens häufig ihre Meinungen und ihre Verhaltensweisen. Als junger Mensch denkt und handelt man ganz anders als im Alter.

Das ist wichtig zu wissen, denn die wenigen Studien, die uns zu Musliminnen und Muslimen in Deutschland vorliegen, sind gerade mal um die zehn Jahre alt. Die meisten unterscheiden bei der Darstellung von Einstellungen der Befragten meist nicht hinsichtlich ihres Alters bzw. der Aufenthaltsdauer in Deutschland. Doch selbst wenn: Diese Daten würden nur den Ist-Zustand zum Zeitpunkt der Studie widergeben und keinen Rückschluss auf die Lebenswelten von Musliminnen und Muslimen in Deutschland vor mehreren Jahrzehnten erlauben.

Es hat lange gedauert, bis die deutsche Mehrheitsgesellschaft Muslime als Teil der Gesellschaft wahrgenommen hat und sich für sie zu interessieren begann. Die erste große repräsentative Studie, die explizit nach religiösem Alltagsleben und Aspekten der Integration von Musliminnen und Muslimen in Deutschland gefragt hat, war das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz durchgeführte Forschungsprojekt „Muslimisches Leben in Deutschland“ aus den Jahren 2008/09.

Die Studie differenziert nur an einer Stelle nach dem Alter der Befragten. Sie ergab, dass zwischen dem Alter und dem Anteil der Frauen, die ein Kopftuch tragen, ein deutlicher Zusammenhang besteht. Von den befragten jungen Frauen im Alter von 16 bis unter 25 Jahren trug gut jede fünfte ein Kopftuch, bei den 26- bis 65-jährigen Frauen stieg der Anteil auf knapp 40 Prozent an, von den über 65-jährigen Musliminnen war es jede zweite. Die Studie zeigte also, dass die zweite und dritte Generation muslimischer Frauen im Vergleich zur ersten weniger häufig Kopftuch trug. Das bedeutete aber nicht, dass die zweite und dritte Generation weniger religiös war, denn jede zweite Muslimin, die sich als stark gläubig bezeichnete, trug es nicht.

Nur eine Untersuchung zeigt an mehreren Stellen die Unterschiede in den Einstellungen nach Alter auf: Die Studie „Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland“ der Universität Münster von 2016. Sie verdeutlichte, dass die zweite und dritte Generation hinsichtlich ihrer Integration in die deutsche Gesellschaft in vielen Punkten deutlich positivere Werte aufweist als die erste, zum Beispiel bei der Bildung, den Deutschkenntnissen und dem Kontakt zu Menschen deutscher Herkunft.

Die Münsteraner Studie legte einen Schwerpunkt auf Einstellungen zu Männer- und Frauenbildern. Dass es für alle Beteiligten viel besser ist, wenn der Mann im Berufsleben steht und die Frau zu Hause bleibt und sich um den Haushalt und die Kinder kümmert, meinten 48 Prozent der befragten Türkeistämmigen aus der ersten Generation; in der Gruppe der zweiten/dritten Generation waren es dagegen nur 31 Prozent. Und dass die Berufstätigkeit von Müttern einem Kleinkind schadet, glaubten 71 Prozent aus der ersten Generation; auch dieses Statement erfuhr in der zweiten Generation deutlich weniger Zustimmung (57 Prozent). Ein Vergleich zu den Werten in der gesamten deutschen Bevölkerung zeigt, dass die Antworten auf die gestellten Fragen nur um wenige Prozentpunkte abweichen, d.h. auch ältere nicht-muslimische Deutsche haben eine skeptischere Haltung gegenüber berufstätigen Frauen als jüngere. Betrachtet man die Unterschiede zwischen den Generationen getrennt nach Geschlecht, so fällt auf, dass die Türkeistämmigen Frauen der zweiten und dritten Generation die Rollenverteilung nicht traditionaler sehen als Frauen in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Spannend ist, dass sich die zweite und dritte Generation (72 Prozent) auch in dieser Studie als religiöser einschätzen als die erste Generation (62 Prozent). Liberale Einstellungen zur Stellung der Frau nehmen also durch Frömmigkeit nicht ab. Die Studie macht aber keine Aussagen darüber, ob die befragten Männer und Frauen auch tatsächlich ihren Einstellungen entsprechend leben, also die Theorie in die Praxis umsetzen.

Die Ergebnisse zum weiteren Schwerpunkt Religion und Staat betrachten die Autorinnen und Autoren mit Sorge. Sie meinen, dass der Anteil derjenigen, die Haltungen bekunden, die schwerlich als kompatibel mit den Grundprinzipien moderner „westlicher“ Gesellschaften wie der deutschen bezeichnet werden können, unter den Türkeistämmigen teilweise beträchtlich ist. Aus den Erfahrungen von Ablehnung in der deutschen Gesellschaft entwickelten viele ein demonstratives Bekenntnis zu ihrer Herkunft und ihrem Glauben. Fundamentalistische Orientierungen sind in der zweiten und dritten Generation etwas weniger verbreitet als in der ersten. Dass die Befolgung der Gebote ihrer Religion wichtiger ist als die Gesetze des Staates, in dem sie leben, meinen 36 Prozent von ihnen (erste Generation: 57 Prozent), eine Rückkehr der Muslime zu einer Gesellschaftsordnung wie zu Zeiten des Propheten Muhammads wünschen sich 27 Prozent (erste Generation: 36 Prozent). Nur eine wahre Religion gibt es für 46 Prozent der Befragten der zweiten/dritten Generation (erste Generation: 54 Prozent); 33 Prozent sind der Ansicht, nur der Islam könne die Probleme unserer Zeit lösen (erste Generation: 40 Prozent). Der Anteil derjenigen, die allen vier Aussagen zustimmen, ist in der zweiten/dritten Generation mit 9 Prozent halb so groß wie in der ersten Generation.

Während in der ersten Generation 27 Prozent der Meinung sind, dass Muslime dem anderen Geschlecht nicht die Hand schütteln sollten, beträgt der Anteil in den Folgegenerationen 18 Prozent. Dass muslimische Frauen Kopftuch tragen sollten, meinen in der ersten Generation 39 Prozent und in der zweiten/dritten Generation noch 27 Prozent. Auch der Anteil der muslimischen Frauen, die tatsächlich ein Kopftuch tragen, geht hier von 41 auf 21 Prozent zurück.

Da der Anteil der Türkeistämmigen an der muslimischen Gesamtbevölkerung nach der aktuellsten Erhebung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge von 2015 auf rund 50 Prozent zurückgegangen ist, erlaubt die Studie keine Rückschlüsse auf Einstellungen von Musliminnen und Muslimen insgesamt.



(Stand: 6.12.2019)


 
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