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Welche Unterformen des muslimischen Glaubens gibt es?

Es gibt nicht den einen Islam, sondern viele verschiedene Formen des muslimischen Glaubens. Von seiner Entstehung im 7. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel über seine Verbreitung in die ganze Welt bis heute entwickelten und entwickeln sich noch immer neue Gruppen, die unterschiedliche Glaubensinhalte, Riten und Feste sowie wichtige Personen und Bücher kennen.
Die älteste religiöse Strömung des Islams bilden die Charidschiten (arab.: die zum Kampf Ausziehenden). Sie wandten sich im Streit um die Führung der islamischen Gemeinschaft nach Muhammads Tod von den restlichen Muslimen ab und zersplitterten im Lauf der Geschichte in viele weitere Untergruppen. Von diesen gibt es heute nur noch die Ibaditen; die sehr kleine Glaubensgemeinschaft lebt vor allem im Oman.
Die bis heute prägendste Spaltung der muslimischen Gemeinschaft geschah ebenfalls während der politischen Nachfolgekämpfe in der Frühphase des Islams. Mit den Sunniten (heute ca. 85 Prozent der weltweit lebenden Muslime) und Schiiten (heute ca. 15 Prozent) entstanden dabei die zwei wesentlichen Glaubensgruppen im Islam.
Innerhalb der Schia (arab.: Partei; Anhänger Alis) gibt es zahlreiche Untergruppen. Die größte bilden die sogenannten Zwölfer-Schiiten, nach deren Lehre es insgesamt zwölf Imame (religiös-politische Oberhäupter) gibt, die als einzig legitime Nachfolger des Propheten Muhammad gelten. Schiiten leben vor allem im Iran, Irak oder Libanon. Die zweitgrößte schiitische Gruppe sind die unter anderem im indischen Raum lebenden Ismailiten, die sich in weitere Unterformen aufspalten. In den verschiedenen schiitischen Gruppen entwickelten sich noch einmal eigenständige sogenannte Rechtsschulen, von denen die Dscha‘fariyya und die Zaidiyya die bedeutendsten sind.
Von den Ismailiten spalteten sich im 11. Jahrhundert die Drusen ab. Die Drusen leben wie die ebenfalls aus der Schia hervorgegangenen Aleviten (13./14. Jahrhundert) im Nahen Osten. Manche dieser Gläubigen begreifen sich als Muslime, andere empfinden sich als außerhalb des Islams stehend. Auch die im 19. Jahrhundert im Iran entstandenen Bahais haben sich vom schiitischen Islam losgesagt und betrachten sich heute als eigenständige Religion.
Im sunnitischen Islam entstanden vom 8. bis frühen 10. Jahrhundert nach ihren Begründern benannte Rechtsschulen. In den Rechtsschulen wurde der Koran interpretiert, die Überlieferungen des Propheten Muhammad zusammengetragen und später vor allem die islamische Rechts- und Wertelehre (arab.: Scharia) ausgearbeitet. Die Hanafiyya, Malikiyya, Schafi‘iyya und Hanbaliyya sind heute unterschiedlich regional verortet. In Süd- und Zentralasien sowie in der Türkei herrscht beispielsweise die hanafitische Lehrmeinung vor, in Nord- und Westafrika die malikitische, in Ägypten, Syrien, Jemen, Südostasien und an den Küsten des Indischen Ozeans die schafiitische und in Saudi-Arabien die hanbalitische.
Ausgehend vom Irak bildete sich mit dem Sufismus im 9. Jahrhundert eine weitere religiöse Strömung. Sufis praktizieren einen mystischen Islam, der Armut und Zurückgezogenheit beinhaltet. Heute sind sie weltweit in verschiedenen Orden organisiert. Manche Muslime schließen Sufis aus der islamischen Gemeinschaft aus. Auch die im 19. Jahrhundert im indischen Raum entstandene Gruppe der Ahmadiyya wird häufig als unislamisch bezeichnet, da ihr Begründer Mirza Ghulam Ahmad (gest. 1908) neben Muhammad als Prophet bzw. Mahdi (arab.: Rechtgeleiteter; Endzeitfigur) verehrt wird. Die Anhänger dieser Strömung betrachten sich aber selbst als Muslime.
Besonders die im 18. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel entstandene Bewegung der Wahhabiyya, benannt nach Muhammad ibn Abd al-Wahhab (gest. 1792) und die später aus ihnen hervorgegangenen Salafisten (nach arab. as-salaf as-salih; ehrwürdige Altvordere) praktizieren strenge Formen des Ausschlusses anderer islamischer Gruppen. Sie begreifen sich als die einzigen Besitzer einer von ihnen bestimmten islamischen Weisheit und lassen keine anderen Meinungen gelten.

(Stand: 25. März 2020)


 
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