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Gibt es islamische Musik?

Anders als in Kirchen und in liberalen Synagogen gibt es in Moscheen keine Orgel oder andere Musikinstrumente, auch wird während des Gottesdienstes nicht gesungen. Zwar klingt beides melodisch, der Gebetsruf und die Koranlesung gelten im Islam jedoch nicht als Musik, sondern als Rezitation. Eine Ausnahme bilden einige Sufis (mystische und asketische Muslime), die sich während des sogenannten Dhikr (arabisch: Gedenken) singend und tanzend in Trance begeben.
Alte religiöse Lieder, die bei Festen gesungen werden, und Musikveranstaltungen sind jedoch in allen Teilen der islamischen Welt bekannt und beliebt. Eine weitverbreitete traditionelle Gesangsform ist der Naschid. Im Naschid lobpreist ein männlicher Sänger zumeist ohne Instrumentalbegleitung Gott und den Propheten. Die Melodien unterscheiden sich stark von westlicher Musik; sie klingen für Ohren, die an US-amerikanischen Pop gewöhnt sind, ziemlich fremd.
Zwei auch Nicht-Muslimen sehr bekannte Naschid-Sänger sind Sami Yusuf und Yusuf Islam. Sami Yusuf ist ein internationaler Star. Seine Eltern stammen aus Aserbaidschan, er wurde in Teheran geboren und lebt heute in Manchester und Kairo. Er singt vornehmlich auf Englisch über die muslimische Identität und den Propheten als Vorbild. Sami Yusuf füllt in der ganzen Welt Hallen mit Zehntausenden kreischenden Fans. Yusuf Islam ist besser bekannt unter seinem früheren Namen: Cat Stevens. 1978 war er zum Islam konvertiert; nach langer Schaffenspause trat er 1995 mit neuem islamischem Profil wieder auf. Yusuf Islam wurde immer wieder für verschiedene Meinungsäußerungen kritisiert; so lehnte er Homosexualität als Sünde ab und äußerte Sympathie für die Hamas (Regierungspartei im Gaza-Streifen, die Terrorismus gegen Israel praktiziert). Dennoch beauftragte ihn die britische Regierung als Botschafter zwischen den Religionen. In Deutschland war er 2008 zu Gast bei „Wetten, dass…“, ein Jahr zuvor hatte er trotz großen Protests in Berlin den Echo Award erhalten.
Auch die meisten strengreligiösen Muslime bewerten den Naschid als islamrechtlich erlaubt (arabisch: halal). In den letzten Jahren hat die islamistische Szene ihn als Propaganda-Musik für sich entdeckt und der jahrhundertealten Liedkunst ein schlechtes Image beschert. Videos von Predigern des Dschihad (arabisch: Anstrengung; im übertragenen Sinne auch „heiliger Krieg“) und Kriegsszenen aus dem Irak und Afghanistan, die massenhaft auf Youtube zu finden sind, werden damit unterlegt. 2012 setzte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien drei Kampflieder des Berliners Denis Mamadou Cuspert, der früher als Rapper unter dem Namen Deso Dogg auftrat, auf den Index.
Moderne Musik im westlichen Stil, auch wenn sie islamische Texte beinhalten und auf Themen wie Sexualität und Drogen verzichten, lehnen einige streng konservative muslimische Gruppen wie die Wahhabiten und die Salafisten ab. Seit Jahrhunderten diskutieren islamische Gelehrte darüber, ob Musik im Islam erlaubt ist und wenn ja, welche. Einige verbieten Musik generell, weil sie angeblich zu schlechtem Verhalten führen soll. Andere unterscheiden nach Instrumenten und Musikstilen. Vollkommen inakzeptabel empfinden sie alle weltweit bekannte Pop-Sängerinnen wie Nancy Ajram, die sich leicht bekleidet und stark geschminkt mit offenen Haaren in Videos und auf Bühnen präsentieren.
Die meisten muslimischen Interpreten besingen die Liebe. Ihre Texte sind auf Arabisch, Persisch, Urdu oder Türkisch, aber auch in englischer, französischer oder deutscher Sprache. Doch nur weil die Sängerin oder der Sänger muslimischen Glaubens ist, muss nicht auch die Musik religiös sein. Islam-Musik ist eine Sparte, wenn auch eine bedeutende und sehr bunte. Wer die entsprechende Sprache nicht versteht, wird bei vielen Sängern und Bands das Religiöse gar nicht erkennen. Muslimische Rapper tragen denselben Kleidungsstil wie ihre nichtmuslimischen Kollegen, ihre Videos laufen auf diversen Musiksendern und die Fans pilgern zu Tausenden auf die Konzerte. Ein Beispiel hierfür ist die deutsch-türkische Gruppe YaHu („Gelobt sei Gott“), die vor allem Liebeslieder und Gotteslobpreisungen singt. Coole Rapper-Gesten und moderne Streetwear stehen bei ihr nicht im Widerspruch zu Religiosität.
Viele muslimische Sängerinnen und Sänger trennen ihre Religion nicht von gesellschaftlichen und politischen Themen. Musik ist für sie nicht nur ein Mittel zur Verkündigung des Islams, sondern auch ein Medium für Kritik. Der Sänger Ammar114, der in Äthiopien geboren wurde und als Jugendlicher in Deutschland zum Islam konvertierte, singt über Gewalt, Drogen und Integrationsprobleme. Im Namen seiner Religion setzt er sich für Frieden und Toleranz zwischen den Menschen ein. Die Berlinerin Sahira macht sich weiter für Gender-Themen stark. Die alleinerziehende Mutter palästinensischer Herkunft entdeckte nach dem 11. September 2001 ihre Religiosität. Mit Kopftuch rappt sie für ein selbstbestimmtes Leben von Frauen und gegen männlichen Macho-Wahn.
Ein ganz anderer Sänger ist Bushido. Der Sohn einer Deutschen und eines Tunesiers wuchs in Berlin auf. Immer wieder war und ist er aufgrund Schwulen- und Frauenfeindlichen Texten und seiner Verbindung in die organisierte Kriminalität in den Medien. Bushido ist kein Sänger mit einer religiösen Botschaft, wohl aber hat er mehrfach in Interviews bekundet, gläubiger Muslim zu sein. Er bedient sich islamischer Symbolik und bezieht sich auf politische Ereignisse wie die Anschläge vom 11. September und den Afghanistan-Krieg. Seine Texte sind gewaltverherrlichend und damit in den Augen der meisten deutschen Muslimen eindeutig „unislamisch“, besonders beliebt sind sie bei Jugendlichen – nicht nur aus Migrantenfamilien – die sich selbst als Verlierer sehen.
Eine sehr große Sammlung mit Hunderten von Tonbeispielen internationaler Islam-Musikerinnen und -Musiker – von traditionell bis modern – findet sich auf der Seite »www.muslimhiphop.com«.

(Stand: 1. August 2013)


 
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