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Wer trägt wirklich die Verantwortung für den 11. September?

Am Morgen des 11. September 2001 entführte eine Gruppe radikaler Islamisten vier Flugzeuge und verübte mit ihnen Terroranschläge auf verschiedene Gebäude in den USA. Die Ereignisse an diesem Tag sind kurz als „11. September“ oder „9/11“ (nach der amerikanischen Datumsschreibung) in die Geschichte eingegangen.
Zwei Flugzeuge lenkten die Täter in die beiden Türme des World Trade Centers (WTC) in New York City, ein Flugzeug fiel in das Pentagon in Arlington im Bundesstaat Virginia, das vierte Flugzeug hatte vermutlich das Weiße Haus oder das Kapitol in Washington, D.C. als Ziel, stürzte jedoch nach Kämpfen an Bord bei Shanksville in Pennsylvania ab. Neben mehreren Hundert Toten unter den Passagieren und den Besatzungen in den Flugzeugen sowie Beschäftigten im Pentagon starben etwa 2.800 Menschen in den in Folge der Flugzeugeinschläge zusammenstürzenden Türmen des WTC. Insgesamt gab es über 3.000 Tote und rund 6.000 Verletzte. Über 1.000 in New York City getötete Menschen konnten nicht mehr identifiziert und damit nicht beerdigt werden. Zehntausende Menschen verloren Verwandte und Freunde durch die Anschläge, rund 2.000 Kinder wurden zu Halb- oder Vollwaisen.
Die 19 Attentäter gehörten der islamistischen Terrororganisation al-Qaida an. Die USA reagierten auf die Anschläge unter anderem am 7. Oktober 2001 mit einem Angriff auf Afghanistan, wo seit 1996 die radikalislamischen Taliban herrschten. Diese sympathisierten mit al-Qaida, hatten die Vorbereitung der Anschläge in Afghanistan unterstützt und verweigerten eine Auslieferung des mutmaßlich hier untergetauchten al-Qaida-Chefs Osama Bin Laden an die USA. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) bezeichnete am 12. September 2001 die Terroranschläge als „Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“ und wertete einen Angriff auf Afghanistan als „Akt der Selbstverteidigung der Vereinigten Staaten“. Am selben Tag erklärte der Nordatlantikrat die Attentate als Angriff auf einen Verbündeten und rief zum ersten Mal in der Geschichte der NATO den Bündnisfall aus. Eine breite internationale Militärallianz, zu der auch Deutschland zählte, hatte zum Ziel, das islamistische Regime der Taliban in Afghanistan zu entmachten. US-amerikanische Spezialeinheiten versuchten weiter, Osama Bin Laden aufzuspüren und zu töten. Am 2. Mai 2011 wurde er in Pakistan erschossen. Die Bilanz eineinhalb Jahrzehnte nach Beginn des Krieges fällt ernüchternd aus: Afghanistan ist bis heute von ausländischen Truppen besetzt und das politische System extrem instabil. Die Zahl der Toten unter der afghanischen Zivilbevölkerung ist unbekannt, die Wirtschaft und soziale Einrichtungen sind zerstört. Die Taliban konnten nie vollständig entmachtet, al-Qaida nicht zerschlagen werden.
Auch der Angriff auf den Irak am 20. März 2003 wurde unter anderem mit dem 11. September begründet. So soll der irakische Diktator Saddam Hussein (1937-2006) an Massenvernichtungswaffen gearbeitet haben, mit dem er die USA hatte angreifen wollen. Der US-amerikanische Militärschlag gegen den Irak wurde in der westlichen Welt als Präventivkrieg propagiert. Anders als im Afghanistan-Krieg erteilte der UN-Sicherheitsrat jedoch kein Mandat für den Einsatz, die Invasion der US-Armee in den Irak war damit ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg – zumal nie Massenvernichtungswaffen gefunden wurden. Saddam Hussein war schnell gestürzt worden, doch im Irak herrscht seit Jahren ein Bürgerkrieg, dessen Hauptakteur, der aus al-Qaida hervorgegangene hochgewalttätige „Islamische Staat“ (IS), mittlerweile auch in Syrien hat Fuß fassen können.
Am 22. Juli 2004 wurde der Abschlussbericht einer überparteilichen Untersuchungskommission zum 11. September veröffentlicht. Dieser zeigte gravierende systemische Fehler der US-Behörden auf, die die Terroranschläge mit möglich gemacht haben. Persönliche Konsequenzen für die Verantwortlichen gab es nicht, jedoch eine Vielzahl von inländischen Gesetzesverschärfungen zur Gefahrenabwehr. Bürgerrechtler kritisieren, dass dabei weitreichende Eingriffe in die Freiheit jedes Einzelnen erlaubt worden seien. So wurde das Überwachen verdächtigter Personen ohne richterliche Anordnung möglich sowie das Abhören von Telefonaten und das Mitlesen von Emails, die Geheimwahrung persönlicher Daten bei Banken oder dem Arbeitgeber wurde gelockert, die Inhaftierung und Ausweisung terrorverdächtiger Ausländer ohne richterlichen Beschluss waren gestattet und die Einreise von Touristen wurde erschwert. Es entstand eine Flut von Sicherheitsfirmen und Spionageagenturen. Im Afghanistankrieg und weiteren Militäroperationen nahmen die USA über 1.000 Personen fest und verbrachten sie in Internierungslager, zum Beispiel nach Guantanamo Bay auf Kuba. Hier kam es zu Folterungen der Gefangenen, die auch nach Jahren der Inhaftierung keinen Haftrichter oder Anwalt zu Gesicht bekamen.
Am 13. September 2001 gab das FBI die Namen der 19 Attentäter, wie sie in den Passagierlisten standen, bekannt. 15 von ihnen waren Staatsbürger Saudi-Arabiens. Es folgten in den nächsten Wochen und Monaten weitere Informationen über deren Biografien. So stammten die meisten aus eher wohlhabenden Familien und lebten im Ausland. Vier von ihnen studierten seit 1998 an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Sie sollen von Osama Bin Laden persönlich für die Anschläge ausgewählt worden sein. Die Vorbereitungen für den Terroranschlag dauerten Jahre. Unter anderem absolvierten einige der Täter eine Pilotenausbildung und erkundeten minutiös den Luftraum in New York bei Testflügen. Ein sehr wichtiges Dokument, das viele Aufschlüsse über die Gedankenwelt der Täter offenbart, ist das sogenannte Testament der Attentäter des 11. Septembers. Demnach glaubten sie an eine jüdische Weltverschwörung und einen imperialistischen Westen, der die islamische Welt ausbeute und unterdrücke. Diese Ideologie deckt sich mit der al-Qaidas.
Bis heute sind im Internet Verschwörungstheorien zu den Hintergründen des 11. September zu lesen. Ihre Vertreter behaupten, die USA hätten die Terroranschläge selbst in Auftrag gegeben oder den Vorbereitungen wissentlich zugesehen. Dabei seien sie von Israel unterstützt worden. Auf diese Weise sollte in der Bevölkerung die Zustimmung zur Einschränkung von Freiheitsrechten erlangt und die lange bestehenden Kriegs- und Eroberungspläne im Nahen Osten durchgesetzt werden. Hier treffen alte antisemitische Vorurteile – Juden strebten nach der Weltherrschaft, zögen im Hintergrund die Fäden der Politik, rissen das Kapital an sich, entfachten Kriege, unterwanderten andere Länder, manipulierten die Medien und so weiter – mit modernen antiamerikanischen Ressentiments zusammen.

(Stand: 2. Oktober 2015)


 
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