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Sind Muslime tolerant?

Wenn viele Menschen zusammenleben, treten Probleme auf. Ein friedliches Miteinander ist nur dann möglich, wenn die Mitglieder einer Gesellschaft tolerant sind, also die anderen so achten, wie sie sind. Menschen unterscheiden sich in zahlreichen Dingen. Sie haben unterschiedliche Religionen, sprechen verschiedene Sprachen, haben andere Traditionen und Werte, haben viel oder wenig Geld, dunkle oder helle Haut und führen vielfältige Lebensstile. Toleranz – und auch Intoleranz – kann all diese Aspekte betreffen.

Wenn wir über Religion sprechen, dann stellt sich die Frage nach der Glaubensfreiheit: Wie stehen Musliminnen und Muslime denjenigen Menschen gegenüber, die eine andere Religion haben? Verachten sie die Andersgläubigen? Oder achten sie sie?

In der Geschichte hat der Islam – ebenso wie andere große Religionen – sowohl tolerante als auch intolerante Gesellschaften hervorgebracht. Auch heute ist die Toleranz in einigen islamischen Gesellschaften stärker ausgeprägt als in anderen. In vielen Ländern – zum Beispiel in Ägypten oder auch in Indonesien – leben Muslime mit Angehörigen anderer Religionen weitestgehend friedlich zusammen.

In anderen Regionen dagegen ist die Intoleranz gegenüber Nicht-Muslimen stark ausgeprägt. Das wohl negativste Beispiel derzeit ist das Gebiet in Syrien und dem Irak, in dem die Terrororganisation namens „Islamischer Staat“ herrscht (auch als „IS“, „ISIS“ oder „Daesh“ bekannt). Dort werden weder andere Religionen noch andere Lebensstile toleriert. Nur streng-sunnitische Muslime und eine bestimmte als islamisch geltende Lebensführung sind erlaubt. Das heißt allerdings noch nicht, dass alle Musliminnen und Muslime, die in dieser Gegend leben, dies gut finden und ebenso intolerant sind wie ihre politische Führung.

Wenn es unter Musliminnen und Muslimen so unterschiedliche Einstellungen gibt, dann stellt sich die Frage, was die Quellen des Islams über Glaubensfreiheit sagen. Im Koran, der wichtigsten Quelle, und den Hadithen, den Berichten über das Leben und Wirken des islamischen Propheten Muhammad, wird das Thema an zahlreichen Stellen angesprochen.

Für Toleranz in Bezug auf Andersgläubige führen Musliminnen und Muslime zum Beispiel häufig die zweite Sure des Korans an: „In der Religion gibt es keinen Zwang“, heißt es dort zu Beginn von Vers 256. Zwar macht der Koran unzweifelhaft klar, dass der Islam die einzige richtige Religion ist. Aber die Menschen sollen aus eigener Überzeugung Muslime werden, nicht etwa durch Zwang.

An anderer Stelle heißt es: „Und wenn dein Herr wollte, würden die, die auf der Erde sind, alle zusammen gläubig werden.“ (Sure 10, Vers 99). Gott hätte demnach also durchaus die Macht, alle Menschen zu Muslimen zu machen, wenn er denn wollte. Dass er dies aber nicht tut, deuten viele muslimische Gelehrte so, dass die vielen unterschiedlichen Religionen keinen Irrtum darstellen, sondern von Gott so gewollt sind. Und wenn Andersgläubige im Sinne Gottes sind, kann man ihnen als gläubiger Muslim nicht mit Intoleranz begegnen.

Dies sind nur zwei Beispiele aus dem Koran, die von Musliminnen und Muslimen oft als Argument für die Glaubensfreiheit angeführt werden. Die genannten Stellen sind aus demokratischer Sicht völlig unproblematisch. Beispielsweise stehen sie in Einklang mit Aussagen der deutschen Verfassung – im Grundgesetz heißt es nämlich: „Die Freiheit des Glaubens (…) und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“

Es gibt in den islamischen Quellen aber auch Stellen, die aus heutiger Sicht problematisch erscheinen. Einige Verse scheinen gegen die Glaubensfreiheit zu sprechen und können dafür genutzt werden, intolerante Meinungen zu untermauern. Im Koran heißt es zum Beispiel auch: „Diejenigen, die an Gott nicht glauben, nachdem sie gläubig waren (...), über die kommt Gottes Zorn, und sie haben eine gewaltige Strafe zu erwarten“ (Sure 16, Vers 106). Die meisten muslimischen Gelehrten interpretieren diesen Vers so, dass man zum Islam zwar übertreten kann, dann aber nicht mehr austreten darf. Das heißt: Juden, Christen und andere Gläubige können Muslime werden; Muslime dürfen aber nicht dem Judentum, Christentum oder einer anderen Religion beitreten. Die Glaubensfreiheit ist also stark eingeschränkt. Welche Strafe auf den Abfall vom islamischen Glauben steht, ist unter muslimischen Gelehrten heftig umstritten. Extremisten fordern die Todesstrafe.

Wie die Aussagen des Korans über Toleranz und Glaubensfreiheit heute ausgelegt und in moderne Gesetze gegossen werden, ist von Land zu Land unterschiedlich. Tatsächlich gibt es Staaten, in denen Menschen ins Gefängnis kommen, nur weil sie sich für eine andere Religion entscheiden. Sogar Todesurteile wurden deshalb schon vollstreckt. Auch werden Andersgläubige in vielen Staaten diskriminiert – zum Beispiel die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien. Hohe offizielle Ämter können sie nicht bekleiden und auch ist es fast unmöglich für Schiiten in Saudi-Arabien, Richter zu werden. Christen dürfen dort keine Kirchen bauen. Letzteres ist dagegen in vielen anderen mehrheitlich muslimischen Ländern wie dem Libanon, Jordanien oder Ägypten kein Problem.

Zu Beginn dieses Textes hieß es, dass Toleranz nicht nur die Religion betreffen kann. Auch anderen Dingen gegenüber kann man tolerant beziehungsweise intolerant sein. In Bezug auf unterschiedliche Hautfarben zum Beispiel interpretieren viele Gelehrte die folgende Stelle im Koran so, dass Rassismus im Islam keinen Platz hat: „Wir (das heißt: Gott) haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr euch untereinander kennt. (…) Als der Vornehmste gilt bei Gott derjenige von euch, der am frömmsten ist“ (Sure 49, Vers 13). Es zählt demnach also nicht, welcher Gruppe oder welchem Volk jemand angehört oder welche Hautfarbe er hat, sondern allein, ob er an Gott glaubt und ein gottgefälliges Leben führt.

Manchmal betrifft Intoleranz aber auch ganz alltägliche Dinge. Religion wird dann oft als Rechtfertigung für eine intolerante Meinung benutzt. So gab es in Saudi-Arabien vor einigen Jahren zum Beispiel eine Diskussion darüber, ob es in Ordnung sei, dass Jugendliche einen Afro-Haarschnitt tragen, also lange, vom Kopf abstehende Haare. Einige waren der Meinung, dass die Frage nichts mit dem Islam zu habe, denn was sagt eine Frisur schon über die Religion aus? Andere waren aber der Meinung, dass der Afro-Look nicht der islamischen Lebensweise entspreche, und lehnten den Haarschnitt deshalb ab – eine eindeutig intolerante Einstellung gegenüber den modisch frisierten Jugendlichen.

(Stand: 14. September 2016)


 
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